Unter der Federführung von Landsmann Johann Lorenz ( * 1926) begannen vor einigen Jahren die Arbeiten für ein Ortsfamilienbuch Kischker. Mühevolles Zusammentragen und sehr zeitaufwändiges Rekonstruieren von Familiendaten ließen ein Werk entstehen, in dem man seine persönliche Familienzugehörigkeit bis zur Ansiedlung in Kischker bzw. zum Teil noch weiter in die Vergangenheit zurück verfolgen kann. Natürlich sind auch die familiären Neuanfänge nach Flucht und Vertreibung in alle Welt erfasst worden.
Nach dem Tod von Johann Lorenz ( † 3. April 2006) führte Erich Gerber (* 1942 in Kischker) die Arbeiten weiter und schließlich Ende Februar 2008 zum Abschluss.
Das OFB Kischker wurde am 6. März 2008 beim Kischkerer Rentner-Treffen - also zuerst bei den Verbliebenen der Erlebnisgeneration aus Kischker - in Karlsruhe-Neureut der Öffentlichkeit vorgestellt. Der größte Teil des Buchinhaltes befasst sich mit den Kischkerer Familien von der Ansiedlung 1786 bis zum Untergang des Ortes 1944 und darüber hinaus, woher sie kamen und wo sie nach dem 2. Weltkrieg den Neuanfang wagten. Ferner gehören zum Inhalt des Buches eine Kurzanleitung für den Leser, ein Abriss der Geschichte von Kischker, Stationen der Flucht eines der Kischkerer Trecks und anderes mehr. Das umfangreiche Buch mit über 1250 Seiten im Format 21 x 29,7 cm und in vorzüglicher Verarbeitung ist noch immer zu einem Preis von 49,00 € erhältlich, zuzüglich Verpackungs- und Versandkosten.
Kaufen kann man das 'Ortsfamilienbuch Kischker in der Batschka 1786 - 1944' an einer der folgenden Anschriften:
Erich Gerber, Kechlerstr. 12, 75015 Bretten, Tel. 07252-1375 oder e-mail: jeris.erich@t-online.de
Im Jahr 2011 sind nachfolgend genannte Kischkerer Landsleute bzw. allernächste Angehörige von Kischkerer Landsleuten verstorben:
Georg
Gerber
* 09.11.1927
† 25.01.2011
Schauenburg Kr. Kassel
F 21
Helene
Götz geb. Dussing
* 22.06.1940
† 06.02.2011
Heidelberg
A 92
Jakob
Krispenz
* 15.07.1932
† 20.02.2011
Sindelfingen
C 21
Gerhard
Wagner
* 12.04.1931
† 11.04.2011
Linkenheim-Hochstetten bei
M 12
Erich
Meister
* 31.03.1951
† 27.04.2011
Ettlingen aus
M 21
Erich
Meixner
* 08.12.1925
† 28.04.2011
Coburg bei
D 25
Georg
Falkenstein
* 01.02.1940
† 25.05.2011
Stutensee-Spöck
A 72
Josef
Frieß
* 29.11.1932
† 29.05.2011
Münchberg Kr. Hof
C 67
Franz
Gaubatz
* 24.05.1931
† 18.06.2011
Schorndorf/Rems bei
M 35
Maria
Binder
* 26.04.1924
† 29.06.2011
Berlin aus
K 24
Rosina
Dietrich geb.Schmidt
* 14.11.1919
† 20.07.2011
Bielefeld
F 49
Rosina
Seibert geb.Bechtold
* 31.01.1921
† 17.08.2011
Wien
D 99
Helmut
Hegel
* 30.07.1928
† 02.09.2011
Karlsruhe bei
I 78
Hannelore
Meister geb. Bender
* 27.05.1946
† 02.10.2011
Ettlingen bei
M 21
Katharina
Hegel g. Gerstheimer
* 10.04.1930
† 08.10.2011
Karlsruhe
I 78
Katharina
Kramer g. Hartmann
* 11.03.1920
† 22.10.2011
Bielefeld
B 23
verwitw.Falkenstein
Franz
Friedl
* 02.09.1939
† 10.11.2011
Dettenheim bei
E 34
Adam
Meister
* 23.08.1927
† 30.11.2011
Prebberede-Belitz Kr. Rostock
F 3
Jakob
Hütter
* 07.09.1923
† 16.12.2011
Linz/Donau (Österreich)
D 152
Friedhelm
Burgstahler
* 15.01.1940
† 24.12.2011
Linkenheim-Hochstetten bei
B 73
2012
Christina
Trumpf geb. Guth
* 02.09.1920
† 05.01.2012
Maxdorf (Rhein-Pfalz-Kreis)
I 34
So spricht der Herr: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst!
Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein. Jesaja 43, 1
Seit der Kirchweihfeier am 6. Oktober 2007 ist am Gedenkstein Kischker auf dem Hauptfriedhof in KA-Neureut ein Glasgefäß mit Heimaterde vom Massengrab am Kischkerer Bahnhof auf einem von Landsmann Jakob Enzminger kunstvoll gefertigten Metallgestell angebracht. Die Erde wurde von den Eheleuten Jakob und Erika Enzminger (* 1935 und 1934) und den Geschwistern Georg und Rosina Bechtold (* 1934) anlässlich ihres Besuches der alten Heimat im Mai 2007 nach Deutschland mitgebracht.
Unter diesem Titel verbirgt sich ein "Reisebericht" unseres Kischkerer Landsmannes Jakob Enzminger. Er war in Begleitung seiner Ehefrau Erika und zwei seiner Schulkameraden, den Geschwistern Georg und Rosina Bechtold, für ein paar Tage zu Besuch in Kischker. In zweifacher Hinsicht kann man sich nun über die Reise in die Vergangenheit berichten lassen. In "Der Donauschwabe - Mitteilungen für die Donau-schwaben" Heft Nr. 10 vom 15. Okt. 2007 (Organ der Landsmannschaft der Donauschwaben) erschien der von Jakob Enzminger verfasste schriftliche Bericht. Darin schildert er in beeindruckender Weise die für ihn und seine Begleiter erlebnisreichen Tage in Kischker. Wer aber sozusagen hautnah in Wort und bewegtem Bild in 2 Stunden und 40 Minuten das heutige Kischker erleben möchte, dem sei der von Jakob Enzminger erstellte Filmbericht nachdrücklich empfohlen. Dazu gibt es eine VHS Video-Kassette oder, wenn man die Abspielmöglichkeit hat, eine DVD, jeweils zum Unkostenbeitrag von 15 € zuzügl. 2,20 € für Versand und 1,50 € für Verpackung, die man unter folgender Adresse bestellen kann:
Jakob Enzminger, Jakob-Böshenz-Str.6, D-67278 Bockenheim/Pfalz Tel. 06359-4607
Am Ostermontag dieses Jahres (25. April 2011) machte sich eine buntgemischte Gruppe - Kischkerer und Kutzuraer, Junge und Alte über drei Generationen - mit Robert Lahr, Initiator, Organisator der Reise und Sonderbeauftragter für "Humanitäre Hilfe Donauschwaben" erwartungsvoll auf die Reise in die Batschka. Mit verschiedenen Verkehrsmitteln erreichten die 20 Teilnehmer Budapest und dort das "Danubius Grand Hotel Margitsziget" auf der Margaretheninsel in der Donau.
Am Osterdienstag begann die gemeinsame Reise mit zwei Kleinbussen und einem PKW von Budapest der Donau entlang nach Sombor, der ersten Station in der Batschka und der ersten Begegnung im "Haus der Versöhnung des Deutschen Humanitären Vereins ST. GERHARD" mit dort noch lebenden Donauschwaben. Der Vorsitzende Anton Beck, der uns übrigens die ganze Woche über mit Gabor und Peter chauffierte, begrüßte uns in "seinem" Haus. Wir waren nicht wenig überrascht. Das Gebäude, zuvor eine Sonderschule in Rosenheim, dient heute als Begegnungsstätte, als Veranstaltungsort. Just an diesem Tag fand ein Kurs statt für junge Menschen in pädagogischen Berufen, geleitet von Schau-spielern aus Ulm/Donau. Es war interessant zu hören, dass Deutsch neben Englisch in den Schulen der Batschka als zweite Fremdsprache unterrichtet wird, dass also ein erhebliches Interesse an der deut-schen Sprache besteht. In diesem Haus befindet sich auch ein Heimatmuseum mit Trachten, Haus-geräten, Werkzeugen, Bildern aus der Zeit vor 1944. Das schöne Mittagessen, die ersten Gespräche haben wir als deutliche Zeichen von Gastfreundschaft und Dankbarkeit empfunden, vor allem für den Sponsor und Motor der "Humanitären Hilfe". Ein Videofilm über die Geschichte der Donauschwaben - von der einsetzenden Werbung in Süddeutschland bis zur Ansiedlung im Donauraum - machte vor allem auf die jungen Teilnehmer einen starken Eindruck. In die Kirche beim Karmeliterkloster zu Sombor, einem imposanten Kirchenraum, waren wir zu einem österlichen ökumenischen Gottesdienst mit Pfr. Dieter Tunkel, von der Hannoverschen Lutherischen Landeskirche nach Belgrad abgeordnet, und dem römisch-katholischen Geistlichen Josef Vogrinc, aus Hodschag stammend, eingeladen. Die kleine Gruppe verlor sich geradezu in diesem mächtigen Gotteshaus. Es war bedrückend, aber auch wieder so vertraut durch die Lieder, die Liturgie und die offenen Worte der beiden Prediger: "Wir meistern die Umstände. Leben wir nur in der Vergangenheit? Wir sollten suchende Menschen sein, wie die Frauen am ersten Ostertag. Trotz aller Widrigkeiten Gutes bewirken." Aber auch unüber-hörbar die Klage: "Sie glauben nicht, sie hoffen nicht, die Menschen dieser Tage. Achten wir auf die Frauen am leeren Grab, die ihre Hoffnung länger tragen als die Männer." Und dieses gewichtige Wort: "Enttäuschtes Leben doch als sinnvoll begreifen." "Und Auferstehungsglaube sollte sich hier und dort deutlicher ausdrücken."
Mit österlichen Gedanken ging es nach dem Gottesdienst zu den Gedenkstätten Gakowa (links) und Kruschiwel. An beiden Orten finden wir würdige Denkmale für die Menschenopfer, für die Miss-handelten, Geschundenen, Ermordeten der Nachkriegsjahre. Die Inschriften in Deutsch und in Serbisch sind allgemein gehalten, Zugeständnisse an die heutige Bevölkerung dort. Klare Aussagen über die Verantwortung der Schreckensherrschaft, über das unsägliche Leid der vielen Tausende Unschuldiger werden vermieden. Sehr persönliche Worte des Geistlichen Vogrinc wirkten an diesem Ort geradezu befreiend. Nach Ablegen eines Blumengebindes, nach Aufstellen des Totenlichtes und nach gemeinsamem Gebet fuhren wir weiter nach Kruschiwel (unten).
Die Inschrift am Denkmal in Deutsch und Serbisch
HIER RUHEN UNSERE DONAUSCHWÄBISCHEN MITBÜRGER
SIE WERDEN FÜR IMMER IN UNSEREN HERZEN SEIN
MIT DER ERRICHTUNG DES KREUZES GEDENKEN WIR IHRER IN WÜRDE UND EHRFURCHT
DIE DONAUSCHWABEN STAMMEN VON DEN KOLONISTEN AB,
DIE IM 18. JAHRHUNDERT VON DEN HABSBURGERN
IN DER PANONISCHEN EBENE ANGESIEDELT WURDEN.
DAS LAGER GAKOVO BESTAND VOM MÄRZ 1945 BIS JANUAR 1948
DIE DONAUSCHWABEN GAKOVO 2004
Auch da gedachten wir mit Blumengebinde, Totenlicht und Gebet der vielen dort umgekommenen donauschwäbischen Landsleute. Mit dem 85. Psalm, Worte der Klage, aber auch der Hoffnung, endeten die Totengedenken.
Der linke Teil des Denkmals mit der Inschrift in Deutsch und Serbisch
HIER RUHEN
UNSERE DONAUSCHWÄBISCHEN MITBÜRGER
SIE WERDEN FÜR IMMER IN UNSEREN HERZEN SEIN
MIT DER ERRICHTUNG DES KREUZES GEDENKEN WIR IHRER IN WÜRDE UND EHRFURCHT
DER ORT KRUSEVLJE WAR VOM MÄRZ 1945 BIS DEZEMBER 1947
EIN LAGER FÜR ZIVILINTERNIERTE.
DIE DONAUSCHWABEN KRUSCHIWL 2005
Der rechte Teil des Denkmals mit der Inschrift in Deutsch und Serbisch
DIE DONAUSCHWABEN STAMMEN VON DEN KOLONISTEN AB,
DIE IM 18. JAHRHUNDERT VON DEN HABSBURGERN
IN DER PANONISCHEN EBENE ANGESIEDELT WURDEN.
DER ORT KRUSEVLJE (KRUSCHIWL) WURDE ZWISCHEN 1764 UND 1780
VON DEUTSCHEN SIEDLERN GEGRÜNDET
IHRE NACHKOMMEN LEBTEN HIER BIS 1945
SIE MUSSTEN IHRE HEIMAT UND IHRE TOTEN FÜR IMMER VERLASSEN.
DIE DONAUSCHWABEN KRUSCHIWL 2005
Der Mittwoch und Donnerstag waren für Kischker und Kutzura geplant. Die Gruppe teilte sich dementsprechend. Die Ortsmitte von Kischker, der heute so entstellte Ortskern, die Mitte, die zuvor die Himmelsrichtungen, unseren Raum und Zeit bestimmte, die unsere Heimat ausmachte und darum unsere Identität, ist uns, die wir in Kischker lebten, heute fremd, sehr fremd. Allein die vertrauten Straßen und die vielen noch bekannten Häuser bestätigen die Bilder der Erinnerung. Immer wieder stehen wir vor Hoftoren, trockenen Einfahrten, Initialen der einstigen stolzen Besitzer. Sanierte Häuser, desolate Häuser, verlassene Häuser und daneben Um- und Neubauten, welche die Straßen-ansichten doch sehr verändert haben. Davor treffen wir immer wieder auf freundliche "Neubürger", die grüßen, einladen und fragen, oft skurril, aber mit lebhaftem Interesse: "Wo leben Sie heute? Wer lebte in diesem Hause? Was war die Rolle des Kulturbundes? Wo sind Wertgegenstände, wo Waffen vergraben?" Der deutsche Teil des Ortsfriedhofes ist eine Wildnis mit einzeln zu erkennenden Grabsteinen und demolierten Gruften. Etwas Positives: Im Gemeindehaus empfing uns eine freundliche Gemeindebedienstete, Frau Katerina Tomic, und gewährte uns Einblicke in die vorhandenen Standesamtbücher aus Vorkriegszeiten. So konnten wir die Hochzeitstage der Großeltern in Erfahrung bringen. Sicher schlummern in dem örtlichen Archiv weitere Daten, die uns bis heute noch nicht zugänglich sind. Überraschend war für uns auch das Interesse am Buch von Johann Lorenz "Unvergessenes Kischker". In gescannter Form wird der Interessent das Buch erhalten.
Am Donnerstagmorgen fuhren wir hinaus in Richtung ehemalige Bahnstation. Spurensuche nach jener Stelle, nach dem "Unort", an dem in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1944 die erste Exekution Kischkerer Einwohner durch Tito-Partisanen und das Verscharren der 78 Leichname im Bombentrichter erfolgten . "Hier müssten sie liegen!" Wir erinnern uns an die Vorgänge dieser unseligen Nacht und der weiteren zwei Erschießungsaktionen am südöstlichen Ortsrand im selben Monat. Was weiß man schon? Die Verhaftungen erfolgten willkürlich, die Liquidierungen ohne Anklage, ohne Gerichtsurteil. Also lesen wir die Namen aller hier Ermordeten. Wir streuten Samen von Sommerastern aus, die jungen Burschen fertigten entschlossen und geschickt Kreuze aus Ruten und steckten sie in den Boden. Mit Hermann Hesses "Klage" endet dieses so ganz andere Toten-gedenken am Massengrab. Das letzte Gespräch im vormaligen Lutherheim - heute eine Gaststätte - zum Fall der Kirche: "An einem Sonntagnachmittag, als fast alle Einwohner einem Fußballspiel zu-schauten, sprengten zwei auswärtige Militärangehörige das Gotteshaus. Erst der zweite Versuch gelang. Der einzige Zeuge, ein Lehrer, geriet in Lebensgefahr und stand unter Schock."
Am späten Nachmittag verließen wir den Ort in Richtung Neusatz. Wir fuhren an vielen Kirchen vorbei. Wir standen an Gedenkstätten und vor Gedenktafeln, allein unser Kischker ist ohne Hinweis auf das Geschehene. Sollte es nicht unsere Pflicht, unsere Sorge und Schuldigkeit sein, unserer Heimat und unseren Toten zu Ehren alles zu tun, um zumindest das Ahnendenkmal von 1936 auf dem Friedhof oder einem würdigen Platz andernorts wieder aufzurichten?
Die Erlebnisdichte der ersten Tage sollte sich am Freitag noch steigern. Am Morgen brachen wir auf zur nächsten Pflichtfahrt nach Jarek, zu den Massengräbern mit 6400 deutschen und einer großen Zahl von ungarischen Opfern, zumeist Kinder und alte Menschen. An einer Verkehrsstraße, dort wo ein Weg zu einem üblen Schuttplatz führt, steht ein schlichtes Holzkreuz, von Ungarn errichtet. "Es wird regelmäßig angegriffen, aber auch immer wieder neu aufgestellt." Wir gehen bedrückt weiter in dieses Gelände: Berge von Bauschutt bis in die Nähe des Holzkreuzes, das unzugänglich im Grund-wasser steht. Sprachlos legen wir unsere Blumen nieder und entzünden das Totenlicht. Hilflose Ver-suche, das Unvorstellbare zu fassen. Und wieder diese Zeichenhandlung, Aussäen von Blumensamen, in der Hoffnung, dass unter diesem Himmel doch noch Samen keimen, Blumen bühen.
Das zum Gedenken an die Opfer aus dem Vernich-tungslager Jarek von der Gemeindeverwaltung Jarek genehmigte und von Donauschwaben errichtete Holzkreuz steht viele Tage im Jahr unzugänglich im Grundwasser. Welch jämmerliche Entscheidung der heutigen Machthaber!
Nicht genug der unwürdigen Platzwahl für das Kreuz, führt der Weg dorthin auch noch durch Gerümpel und abgekippten Bauschutt. Einfach pietätlos!!
Der Ortsvorsteher von Jarek (Gemeinde Temerin-Jarek), Herr Milan Mandic, begleitete uns. Warum gibt es hier diese Schwierigkeiten, ein würdiges Denkmal zu erstellen? So fragen wir. "Die Radikalen haben in der Gemeinde die Mehrheit." Werden wir, werden die Generationen auf beiden Seiten nach uns auch diesen Völkermord im Bewusstsein behalten, diese immer noch unbedachten Opfer schuld-bewusst betrauern? Eine über-nationale, objektive europäische Geschichtsschreibung ist zu fordern, um auch diesen Unglücklichen ein ehrendes Gedenken zukommen zu lassen.
Zusätzlich zum geplanten Programm wurde die Gruppe in der Mittagsstunde hochoffiziell vom Parla-mentspräsidenten der autonomen Provinz Vojvodina in der Republik Serbien, Herrn Sandor Egeresi, in Novisad/Neusatz im Parlamentsgebäude - im Sitzungs-, im Kabinetts- und im Plenarsaal - empfangen. Der Präsident nahm sich viel Zeit, uns die politische Situation in diesem Vielvölkerstaat darzustellen. Ermöglicht war diese Einladung, so ist es angeklungen, durch die außerordentliche Wertschätzung und Dankbarkeit eines Landes für den Wohltäter Robert Lahr - für seine mehr als 20-jährige Hilfe zu Gunsten der deutschen Minderheit.
In der Bildmitte im dunklen Anzug Parla-mentspräsident Sandor Egeresi und rechts daneben Robert Lahr, Organisator der Reise, beide umgeben von den Reise-teilnehmern aus Kutzura und Kischker
Die letzte Station dieser spannenden Reise führte uns nach Subotica (Maria Theresiopel), eine Viel-völkerstadt mit 26 Nationalitäten und 18 Kirchen. Ein unvorstellbarer Schmelztiegel und mit dabei deutsche Menschen, die sich im Deutschen Volksverband, gegründet 1997, zusammenfanden. Im Haus des Verbandes wurden wir vom Präsidenten Laszlo Mandler empfangen und herzlich begrüßt. Der Deutsche Volksverband ist die Dachorganisation der 3900 Deutschen in 14 Ortsvereinen. Dieser wiederum ist Teil des Nationalrates, den alle Minderheiten wählen. Nach schweren Anlaufzeiten läuft die Organisation sehr gut, bestätigt Präsident Mandler. "Alles tun für das Deutschtum." Die Arbeits-felder sind die deutsche Sprache, Bildung, Medien, Informatik und darüber hinaus der Dienst an den Toten. Friedhöfe in Ordnung bringen und diese erhalten und als Generalthema den Dialog für Versöh-nung führen. Gute Verbindungen mit den Botschaften Deutschlands, Österreichs, der Schweiz und Ungarns sowie dem Vatikan begünstigen die Arbeit des Nationalrates. Und auch dieses geschieht: Für die Orthodoxe Kirche in Kutzura wurde mit Hilfe von Robert Lahr eine Kirchenglocke gestiftet. "Die Glocke läutet zu Ehren Gottes, sie läutet für Frieden und zum Gebet." Dies ist die traditionelle Stimme, aber daneben ist über das Radio bzw. über das Internet die Stimme dieser deutschen Minderheit wö-chentlich zu empfangen. Wen es interessiert: Die Sendung ist zu hören unter Radio Subotica "Unsere Stimme" in http://onlineradio.hu, dann magyar_adas.mp3, freitags 19.30 - 20.00 Uhr.
Mit überwältigenden Eindrücken verließen wir die Batschka. Wer diese Dörfer zuvor in ihrer guten Zeit erlebte und sie nun erstmals wieder sah, der gewinnt eine tiefe Einsicht: Was uns Heutigen als selbstverständlich gilt - die Grund- und Freiheitsrechte, Eigentum und das Leben, ist überaus gefährdet. Krieg und Fanatismus enteignen, machen rechtlos, vernichten Leben - ungesühnt. Und was verbindet uns mit den Menschen dort? Ein Randerlebnis bietet eine Antwort. In Neusatz am Hauptplatz die römisch-katholische Kirche, Touristen ruhelos und flüchtig durch's Hauptportal hinein und heraus. Ein fähiger Organist spielt die Bach-Choräle "Christ lag in Todesbanden" und "Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ". Man muss sich die Verdichtung klar machen. In Serbien, in einer römisch-katholischen Kirche Orgelchoräle des Protestanten Johann Sebastian Bach! So viel Geschichte, so viel Kunst, so viele Sprachen kulminieren in diesem Augenblick. Es ist die Stunde einer Multikultur, zeit-übergreifend. Es ist das Erlebnis "Einer Welt".
In der Rückschau stellen sich immer wieder neue Fragen ein. Sind wir den hohen Erwartungen unserer Gastgeber gerecht geworden? Was können wir für sie tun?
Sebastian und Erich Gerber, BrettenFotos: Erich Gerber, Bretten; Katharina Hatfield geb. Hütter, New Richmond (Ohio, USA)
1. Vorsitzender: Georg Demand Goethestr. 10 76344 Eggenstein-Leop. Tel. 0721-706989