Eine Batschka-Reise der besonderen Art im April 2011


Am Ostermontag dieses Jahres (25. April 2011) machte sich eine buntgemischte Gruppe - Kischkerer und Kutzuraer, Junge und Alte über drei Generationen - mit Robert Lahr, Initiator, Organisator der Reise und Sonderbeauftragter für "Humanitäre Hilfe Donau-schwaben" erwartungsvoll auf die Reise in die Batschka. Mit verschiedenen Verkehrs-mitteln erreichten die 20 Teilnehmer Budapest und dort das "Danubius Grand Hotel Margitsziget" auf der Margaretheninsel in der Donau. Am Osterdienstag begann die gemeinsame Reise mit zwei Kleinbussen und einem PKW von Budapest der Donau entlang nach Sombor, der ersten Station in der Batschka und der ersten Begegnung im "Haus der Versöhnung des Deutschen Humanitären Vereins ST. GERHARD" mit dort noch lebenden Donauschwaben. Der Vorsitzende Anton Beck, der uns übrigens die ganze Woche über mit Gabor und Peter chauffierte, begrüßte uns in "seinem" Haus. Wir waren nicht wenig überrascht. Das Gebäude, zuvor eine Sonderschule in Rosenheim, dient heute als Begegnungsstätte, als Veranstaltungsort. Just an diesem Tag fand ein Kurs statt für junge Menschen in pädagogischen Berufen, geleitet von Schauspielern aus Ulm/Donau. Es war interessant zu hören, dass Deutsch neben Englisch in den Schulen der Batschka als zweite Fremdsprache unterrichtet wird, dass also ein erhebliches Interesse an der deutschen Sprache besteht. In diesem Haus befindet sich auch ein Heimatmuseum mit Trachten, Hausgeräten, Werkzeugen, Bildern aus der Zeit vor 1944. Das schöne Mittagessen, die ersten Gespräche haben wir als deutliche Zeichen von Gastfreundschaft und Dankbarkeit empfunden, vor allem für den Sponsor und Motor der "Humanitären Hilfe". Ein Videofilm über die Geschichte der Donauschwaben - von der einsetzenden Werbung in Süddeutschland bis zur Ansiedlung im Donauraum - machte vor allem auf die jungen Teilnehmer einen starken Eindruck. In die Kirche beim Karmeliterkloster zu Sombor, einem imposanten Kirchenraum, waren wir zu einem österlichen ökumenischen Gottesdienst mit Pfr. Dieter Tunkel, von der Hannoverschen Lutherischen Landeskirche nach Belgrad abgeordnet, und dem römisch-katholischen Geistlichen Josef Vogrinc, aus Hodschag stammend, eingeladen. Die kleine Gruppe verlor sich geradezu in diesem mächtigen Gotteshaus. Es war bedrückend, aber auch wieder so vertraut durch die Lieder, die Liturgie und die offenen Worte der beiden Prediger: "Wir meistern die Umstände. Leben wir nur in der Vergangenheit? Wir sollten suchende Menschen sein, wie die Frauen am ersten Ostertag. Trotz aller Widrigkeiten Gutes bewirken." Aber auch unüberhörbar die Klage: "Sie glauben nicht, sie hoffen nicht, die Menschen dieser Tage. Achten wir auf die Frauen am leeren Grab, die ihre Hoffnung länger tragen als die Männer." Und dieses gewichtige Wort: "Enttäuschtes Leben doch als sinnvoll begreifen." "Und Auferstehungsglaube sollte sich hier und dort deutlicher ausdrücken."


Mit österlichen Gedanken ging es nach dem Gottesdienst zu den Gedenkstätten Gakowa (links) und Kruschiwel. An beiden Orten finden wir würdige Denkmale für die Menschenopfer, für die Miss- handelten, Geschundenen, Ermordeten der Nach- kriegsjahre. Die Inschriften in Deutsch und in Ser- bisch sind allgemein gehalten, Zugeständnisse an die heutige Bevölkerung dort. Klare Aussagen über die Verantwortung der Schreckensherrschaft, über das unsägliche Leid der vielen Tausende Unschul- diger werden vermieden. Sehr persönliche Worte des Geistlichen Vogrinc wirkten an diesem Ort geradezu befreiend. Nach Ablegen eines Blumen-gebindes,  nach Aufstellen des Totenlichtes und nach gemeinsamem Gebet fuhren wir weiter nach                                                             Kruschiwel (siehe weiter unten).  

 

 

 

 

Die Inschrift am Denkmal in Gakowa in Deutsch und Serbisch

 

 







HIER RUHEN UNSERE DONAUSCHWÄBISCHEN MITBÜRGER

SIE WERDEN FÜR IMMER IN UNSEREN HERZEN SEIN

MIT DER ERRICHTUNG DES KREUZES GEDENKEN WIR IHRER IN  WÜRDE

UND EHRFURCHT

DIE DONAUSCHWABEN STAMMEN VON DEN KOLONISTEN AB,

DIE IM 18. JAHRHUNDERT VON DEN HABSBURGERN

IN DER PANONISCHEN EBENE ANGESIEDELT WURDEN.

DAS LAGER GAKOVO BESTAND VOM MÄRZ 1945 BIS JANUAR 1948

DIE DONAUSCHWABEN                                                 GAKOVO 2004


 

Das Denkmal

in Kruschiwl













Auch da gedachten wir mit Blumengebinde, Totenlicht und Gebet der vielen dort umge- kommenen donauschwäbischen Landsleute. Mit dem 85. Psalm, Worte der Klage, aber auch der Hoffnung, endeten die Totengedenken.

 

 

 

Der linke Teil des Denkmals mit der Inschrift in Deutsch und Serbisch

 










HIER RUHEN 

UNSERE DONAUSCHWÄBISCHEN MITBÜRGER 

SIE WERDEN FÜR IMMER IN UNSEREN HERZEN SEIN 

MIT DER ERRICHTUNG DES KREUZES GEDENKEN WIR IHRER

IN WÜRDE UND EHRFURCHT 

DER ORT KRUSEVLJE WAR VOM MÄRZ 1945 BIS DEZEMBER 1947 

EIN LAGER FÜR ZIVILINTERNIERTE.

DIE DONAUSCHWABEN                                      KRUSCHIWL 2005

 

 

Der rechte Teil des Denkmals mit der Inschrift in Deutsch und Serbisch

 

 









DIE DONAUSCHWABEN STAMMEN VON DEN KOLONISTEN AB,  

DIE IM 18. JAHRHUNDERT VON DEN HABSBURGERN IN DER

PANONISCHEN EBENE ANGESIEDELT WURDEN.

DER ORT KRUSEVLJE (KRUSCHIWL) WURDE ZWISCHEN 1764 UND 1780 

VON DEUTSCHEN SIEDLERN GEGRÜNDET  

IHRE NACHKOMMEN LEBTEN HIER BIS 1945  

SIE MUSSTEN IHRE HEIMAT UND IHRE TOTEN FÜR IMMER VERLASSEN. 

DIE DONAUSCHWABEN                                                  KRUSCHIWL 2005

 

 

Der Mittwoch und Donnerstag waren für Kischker und Kutzura geplant. Die Gruppe teilte sich dementsprechend. Die Ortsmitte von Kischker, der heute so entstellte Ortskern, die Mitte, die zuvor die Himmelsrichtungen, unseren Raum und Zeit bestimmte, die unsere Heimat ausmachte und darum unsere Identität, ist uns, die wir in Kischker lebten, heute fremd, sehr fremd. Allein die vertrauten Straßen und die vielen noch bekannten Häuser bestätigen die Bilder der Erinnerung. Immer wieder stehen wir vor Hoftoren, trockenen Einfahrten, Initialen der einstigen  stolzen Besitzer. Sanierte Häuser, desolate Häuser,  verlassene Häuser und daneben Um- und Neubauten, welche die Straßenansichten doch sehr verändert haben. Davor treffen wir immer wieder auf freundliche "Neubürger", die grüßen, einladen und fragen, oft skurril, aber mit lebhaftem Interesse: "Wo leben Sie heute? Wer lebte in diesem Hause? Was war die Rolle des Kulturbundes? Wo sind Wertgegenstände, wo Waffen vergraben?" Der deutsche Teil des Ortsfriedhofes ist eine Wildnis mit einzeln zu erkennenden Grabsteinen und demolierten Gruften. Etwas Positives: Im Gemeindehaus empfing uns eine freundliche Gemeindebedienstete, Frau Katerina Tomic, und gewährte uns Einblicke in die vorhandenen Standesamtbücher aus Vorkriegszeiten. So konnten wir die Hochzeitstage der Großeltern in Erfahrung bringen. Sicher schlummern in dem örtlichen Archiv weitere Daten, die uns bis heute noch nicht zugänglich sind. Überraschend war für uns auch das Interesse am Buch von Johann Lorenz "Unvergessenes Kischker". In gescannter Form wird der Interessent das Buch erhalten. 

Am Donnerstagmorgen fuhren wir hinaus in Richtung ehemalige Bahnstation. Spuren- suche nach jener Stelle, nach dem "Unort", an dem in der Nacht vom 9. auf den 10. No- vember 1944 die erste Exekution Kischkerer Einwohner durch Tito-Partisanen und das Verscharren der 78 Leichname im Bombentrichter erfolgten. "Hier müssten sie liegen!" Wir erinnern uns an die Vorgänge dieser unseligen Nacht und der weiteren zwei Erschie-ßungsaktionen am südöstlichen Ortsrand im selben Monat. Was weiß man schon? Die Verhaftungen erfolgten willkürlich, die Liquidierungen ohne Anklage, ohne Gerichtsurteil. Also lesen wir die Namen aller hier Ermordeten. Wir streuten Samen von Sommerastern aus, die jungen Burschen fertigten entschlossen und geschickt Kreuze aus Ruten und steckten sie in den Boden. Mit Hermann Hesses "Klage" endet dieses so ganz andere Totengedenken am Massengrab. Das letzte Gespräch im vormaligen Lutherheim - heute eine Gaststätte - zum Fall der Kirche: "An einem Sonntagnachmittag, als fast alle Einwohner einem Fußballspiel zuschauten, sprengten zwei auswärtige Militärangehörige das Gotteshaus. Erst der zweite Versuch gelang. Der einzige Zeuge, ein Lehrer, geriet in Lebensgefahr und stand unter Schock."  

Am späten Nachmittag verließen wir den Ort in Richtung Neusatz. Wir fuhren an vielen Kirchen vorbei. Wir standen an Gedenkstätten und vor Gedenktafeln, allein unser Kischker ist ohne Hinweis auf das Geschehene. Sollte es nicht unsere Pflicht, unsere Sorge und Schuldigkeit sein, unserer Heimat und unseren Toten zu Ehren alles zu tun, um zumindest das Ahnendenkmal von 1936 auf dem Friedhof oder einem würdigen Platz andernorts wieder aufzurichten? Die Erlebnisdichte der ersten Tage sollte sich am Freitag noch steigern. Am Morgen brachen wir auf zur nächsten Pflichtfahrt nach Jarek, zu den Massengräbern mit 6400 deutschen und einer großen Zahl von ungarischen Opfern, zu- meist Kinder und alte Menschen. An einer Verkehrsstraße, dort wo ein Weg zu einem üblen Schuttplatz führt, steht ein schlichtes Holzkreuz, von Ungarn errichtet. "Es wird regelmäßig angegriffen, aber auch immer wieder neu aufgestellt." Wir gehen bedrückt weiter in dieses Gelände: Berge von Bauschutt bis in die Nähe des Holzkreuzes, das unzugänglich im Grundwasser steht. Sprachlos legen wir unsere Blumen nieder und ent- zünden das Totenlicht. Hilflose Versuche, das Unvorstellbare zu fassen. Und wieder diese Zeichenhandlung, Aussäen von Blumensamen, in der Hoffnung, dass unter diesem Him- mel doch noch Samen keimen, Blumen bühen.

 

 

 

Das zum Gedenken an die Opfer aus dem Vernichtungslager Jarek von der Gemein-deverwaltung Jarek genehmigte und von Donauschwaben errichtete Holzkreuz steht viele Tage im Jahr unzugänglich im Grund-wasser. Welch jämmerliche Entscheidung der heutigen Machthaber!

 

 



Nicht genug der unwürdigen Platzwahl für das Kreuz, führt der Weg dorthin auch noch durch Gerümpel und abgekippten Bauschutt. Einfach pietätlos!!

 

 













Der Bürgermeister der Gemeinde Temerin-Jarek, Herr Milan Mandic, begleitete uns. Warum gibt es hier diese Schwierigkeiten, ein würdiges Denkmal zu erstellen? So fragen wir. "Die Radikalen haben in der Gemeinde die Mehrheit." Werden wir, werden die Generationen auf beiden Seiten nach uns auch diesen Völkermord im Bewusstsein  behalten, diese immer noch unbedachten Opfer schuldbewusst betrauern? Eine über- nationale, objektive europäische Geschichtsschreibung ist zu fordern, um auch diesen Unglücklichen ein ehrendes Gedenken zukommen zu lassen. 

Zusätzlich zum geplanten Programm wurde die Gruppe in der Mittagsstunde hoch- offiziell vom Parlamentspräsidenten der autonomen Provinz Vojvodina in der Republik Serbien, Herrn Sandor Egeresi, in Novisad/Neusatz im Parlamentsgebäude - im Sitzungs-, im Kabinetts- und im Plenarsaal - empfangen. Der Präsident nahm sich viel Zeit, uns die politische Situation in diesem Vielvölkerstaat darzustellen. Ermöglicht war diese Einla- dung, so ist es angeklungen, durch die außerordentliche Wertschätzung und Dankbarkeit eines Landes für den Wohltäter Robert Lahr - für seine mehr als 20-jährige Hilfe zu Gunsten der deutschen Minderheit.

 

In der Bildmitte im dunklen Anzug  Parlamentspräsident Sandor Egeresi und rechts daneben Robert Lahr, Organisator der Reise, beide umge- ben von den Reiseteilnehmern aus Kutzura und Kischker

 

 





Die letzte Station dieser spannenden Reise führte uns nach Subotica (Maria There-siopel), eine Vielvölkerstadt mit 26 Nationalitäten und 18 Kirchen. Ein unvorstellbarer Schmelztiegel und mit dabei deutsche Menschen, die sich im Deutschen Volksverband, gegründet 1997, zusammenfanden. Im Haus des Verbandes wurden wir vom Präsidenten Laszlo Mandler empfangen und herzlich begrüßt. Der Deutsche Volksverband ist die Dachorganisation der 3900 Deutschen in 14 Ortsvereinen. Dieser wiederum ist Teil des Nationalrates, den alle Minderheiten wählen. Nach schweren Anlaufzeiten läuft die Organisation sehr gut, bestätigt Präsident Mandler. "Alles tun für das Deutschtum." Die Arbeitsfelder sind die deutsche Sprache, Bildung, Medien, Informatik und darüber hinaus der Dienst an den Toten. Friedhöfe in Ordnung bringen und diese erhalten und als Generalthema den Dialog für Versöhnung führen. Gute Verbindungen mit den Bot- schaften Deutschlands, Österreichs, der Schweiz und Ungarns sowie dem Vatikan be- günstigen die Arbeit des Nationalrates. Und auch dieses geschieht: Für die Orthodoxe Kirche in Kutzura wurde mit Hilfe von Robert Lahr eine Kirchenglocke gestiftet. "Die Glo- cke läutet zu Ehren Gottes, sie läutet für Frieden und zum Gebet." Dies ist die tradi-tionelle Stimme, aber daneben ist über das Radio bzw. über das Internet die Stimme dieser deutschen Minderheit  wöchentlich zu empfangen. Wen es interessiert: Die Sen- dung ist zu hören unter Radio Subotica "Unsere Stimme" in http://onlineradio.hu, dann magyar_adas.mp3, freitags 19.30 - 20.00 Uhr. 

Mit überwältigenden Eindrücken verließen wir die Batschka. Wer diese Dörfer zuvor in ihrer guten Zeit erlebte und sie nun erstmals wieder sah, der gewinnt eine tiefe Einsicht: Was uns Heutigen als selbstverständlich gilt - die Grund- und Freiheitsrechte, Eigentum und das Leben, ist überaus gefährdet. Krieg und Fanatismus enteignen, machen recht- los, vernichten Leben - ungesühnt. Und was verbindet uns mit den Menschen dort? Ein Randerlebnis bietet eine Antwort. In Neusatz am Hauptplatz die römisch-katholische Kirche, Touristen ruhelos und flüchtig durch's Hauptportal hinein und heraus. Ein fähiger Organist spielt die Bach-Choräle "Christ lag in Todesbanden" und "Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ". Man muss sich die Verdichtung klar machen. In Serbien, in einer römisch-katholischen Kirche Orgelchoräle des Protestanten Johann Sebastian Bach! So viel Geschichte, so viel Kunst, so viele Sprachen kulminieren in diesem Augenblick. Es ist die Stunde einer Multikultur, zeitübergreifend. Es ist das Erlebnis "Einer Welt". 

In der Rückschau stellen sich immer wieder neue Fragen ein. Sind wir den hohen Erwar-tungen unserer Gastgeber gerecht geworden? Was können wir für sie tun? 

                                                                                                                       

Text: Sebastian und Erich Gerber, Bretten

Fotos: Erich Gerber, Bretten; Katharina Hatfield geb. Hütter, New Richmond (Ohio, USA)