Eine geschichtsträchtige, erregende Batschka-Reise im Oktober 2013

 

Nach Serbien fliegst Du? Du meinst wohl Kroatien? So wurde im Vorlauf dieser Reise oft gefragt. Robert Lahr hatte wieder eine Kischker-Reise geplant und dazu eingeladen, aus ganz besonderem Anlass: Einweihung des wieder aufgerichteten Ahnendenkmals von 1936 und darüber hinaus Anbringung der Memorandum-Tafeln. Die hoch angesetzte Teil- nehmerzahl von 50 Personen wurde weit übertroffen. Schließlich traten am Sonntag, dem 6. Oktober 63 Personen - 50 aus Kischker, die anderen aus Nachbargemeinden, aus den Jahrgängen 1926-1992 - die Reise an, eine Reise in die Geschichte, in die Erinnerung, in die ganz persönliche Biografie, eine Reise, dem Gedächtnis der Vorväter, der Ahnen geschuldet.


Über 350 Einladungen gingen an Kischkerer hinaus, verständlich die Zurückhaltung, die Vorbehalte vieler, überzeugender jedoch in unterschiedlichster Art die Motivation der Teil- nehmer. Generell war es allgemeiner Wunsch, die alte Heimat noch einmal zu sehen und die persönlichen Erinnerungen mit dem heutigen, noch erhaltenen Rest-Kischker abzu- gleichen. Bei den Jüngeren und bei den Nachgeborenen ging es darum, die Erlebnis-schilderungen der Eltern bzw. der Großeltern mit der Realität zu vergleichen. Berührend die individuellen Beweggründe, die Kindheitserlebnisse im Gemeindehaus im November 1944, im Vernichtungslager Jarek, die Suche nach dem anonymen Grab des gefallenen Vaters. Auch dies war ein Reisegrund: Das Bewusstsein als Zeuge des großen histori- schen Unrechts an den Donauschwaben den Neubürgern dort offen zu begegnen, um der Wahrheit willen. Es bot sich die große Möglichkeit, tief hinabzusteigen in die Vergangenheit des verlorenen Dorfes, in die ganz persönliche Geschichtserfahrung. Vielleicht aber war es doch nur die schlichte Neugier oder Urfrage: Woher komme ich, wer bin ich? Jedenfalls trafen sich zu dieser Reise Menschen, ein jeder mit ganz persönlichem Schicksal, ein jeder bewusst oder unbewusst angetrieben zum Akt der Selbst-vergewisserung. Es konnte, es sollte eine historische Mission werden.


Am Montag fuhren wir in gespannter Erwartung von unserem Hotel in Werbas nach Süden nach Backo Dobro Polje. Es war ein sonniger Spätsommertag, wie im Oktober 1944. In der Ortsmitte galt es, sich zu orientieren. Das fiel schwer. Die Mitte - Gemeinde- haus, Kirche, Pfarrhaus und Ferch-Schule - die früher Kompass war, existiert nicht mehr. Jenen unter uns, die in Kischker gelebt hatten, ist das neue Zentrum fremd. Was es wohl bedeutet, die bestimmenden Gebäude, die orientierenden Größen, die geistigen und geistlichen Zentren vernichtet zu sehen? Allein die Sonne und die nach ihr ausgerich- teten Straßen bieten verlässliche Orientierung. Die Gruppe löst sich auf, jeder geht auf ein anderes persönliches Ziel zu. Es ist der Tag des Vorübergehens, des Entdeckens und des Vermissens. Diese Kontraste! Man bleibt vor großen, vormals so stolzen Bauernhäu- sern stehen: von den Familien Josef Frank, Christian Schmidt, Christian Roth, David Dietrich, Josef Gerber, Georg Heinz und anderen. Wir stehen vor Hoftoren, den trocke- nen Einfahrten, den immer noch erhaltenen Namen der ehemaligen Eigentümer, wie z. B. Johann Mell, Christian Falkenstein, Georg Roth, und wir entziffern die Initialen an Türen und Giebeln. Im Gasthaus Gagovic, dem ehemaligen Lutherheim, ist immer wieder Treff- punkt mit Trinkpause. Gegenüber steht das Sanatorium. Und daneben waren doch die Gefallenen-Ehrungen? Fragen über Fragen, unsichere Antworten. Die Schulen? Die Staatsschule? Die Artesischen Brunnen? Tiefe, in einem geparkte Emotionen erwachen wieder. Die Vergangenheit wird Gegenwart. Es ist dies auch der Tag der ersten Kontakt-Aufnahmen mit den jetzigen Bewohnern. Freundliche Kinder kommen auf uns zu. Wenn unsere Dolmetscherin nicht da ist, versuchen wir es in Englisch oder wir zeigen einfach die Bilder aus dem Buch von Johann Lorenz. Das interessiert sehr. Ein Unternehmer im Hause Jakob Roth - Metallverarbeitung - wünscht die Bilder von Alt-Kischker zu kopieren. Vielleicht zum Dank gibt er u. a. eine Ansichtspostkarte eines Reichsdeutschen Besu- chers in BDP vom 10.7.1935 an seine Familie in Halle/Saale.






Angesichts der Aktualität und dem beschriebenen historischen Kischker fragt man sich: Was ist aus diesem Dorf geworden? Aber es bleibt doch anzuerkennen, es sind alle Straßen geteert, in der Dorfmitte pflegen Gärtner Blumenbeete, im Zentrum befinden sich das Kulturhaus mit Ortsverwaltung, das Kaufhaus mit der Bibliothek sowie die große neue Schule. Wir werden wahrgenommen, angesprochen, eingeladen und beschenkt. Es hat sich etwas verändert. Wir erfahren spürbar mehr Offenheit und Entgegenkommen als noch vor zwei Jahren. Man stellt sich die Grundsatzfrage: Ist Heimat verlierbar?


Außerplanmäßig werden wir am Dienstag vom Werbaser Bürgermeister Milan Stani-mirovic ins Historische Museum Werbas (vormals die Apotheke der Familie Schuch) eingeladen. Wir werden zunächst von der Direktorin des Museums, Frau Dragica Vukotic, freundlich empfangen und von ihr in die Geschichte und Ziele des Museums eingeführt. Heute ist es ein Haus aller Nationalitäten mit 40.000 Museumsstücken, davon allein 70 % aus deutscher Herkunft, wovon 1.000 Stücke von der Familie Peter Eisenlöffel dem Museum überlassen wurden. Wir hören, dass die Museumsleitung Kontakte nach Ulm pflegt, dass Seminare über die Deutschen des Mittelalters gehalten werden, zudem sei ein Club ehemaliger Bürger von Werbas in der Planung. Frau Vukotic drückt ihre Freude über das rekonstruierte Ahnendenkmal in BDP aus, das leider von Vandalen 1944/45 zerstört worden sei. Anschließend erscheinen der Bürgermeister von Werbas und sein Stellvertreter, Dragan Stijepovic, zur Begrüßung, obwohl sie in der Endphase des Kommunalwahlkampfes stehen. "Es ist für mich eine große Freude, Sie im Museum, im gemeinsamen Werbas begrüßen zu dürfen." Als ehemaliger Journalist beschäftige er sich seit 20 Jahren mit der Geschichte der Donauschwaben. Darum wisse er von deren Leidensweg. Er habe wiederholt über das Thema geschrieben, manches davon wurde in Karlsruhe ins Deutsche übersetzt. Seit der Demokratisierung dieses Landes gibt es Recherchen zur deutschen Vergangenheit in der Batschka. Er schließt mit dem Wunsch nach einem angenehmen Aufenthalt "in Ihrem Heimatland".

Robert Lahr dankt für die freundliche Aufnahme, vor allem für die Wiedererrichtung des Ahnendenkmals, befördert durch Bürgermeister Stanimirovic und finanziert durch die Gemeinde Werbas.


Herr Bürgermeister Stanimirovic, Direktorin Dragica Vukotic, Robert Lahr, Dragan Stijepovic nach der Überreichung der Memorandum-Tafel beim Empfang in Werbas 



Am Mittwoch, dem 9. Oktober, auf den Tag genau, an dem der erste Treck 1944 den Ort verließ, stand die Wiedereinweihung des Ahnendenkmals von 1936 auf dem Programm. Das Thema "Wiederaufrichtung des Ahnendenkmals von 1936" mit dem gültigen Text von Josef Frank (* 1882) zog sich über Jahre hin. Die Landsleute blieben unentschlossen, das Projekt wurde in Frage gestellt, gar abgelehnt.Was bedeutet ein solches Denkmal? Ist mit der Heimat zugleich die Sache der Vorfahren verloren? Ein Aphorismus von G. H. Chesterton kann einem dazu die Augen öffnen."Wir müssen unseren Vorfahren wieder Stimmrecht einräumen. Wir fordern Demokratie für die Toten."Das ist bedenkenswert. Die Toten nicht abschreiben als längst Gewesene. Heraklit hat davon gesprochen, dass die"Schlafenden auch wirken und Mitwirker sind bei dem, was in der Welt geschieht."In einer Demokratie, wie sie Chesterton vorschwebte, muss Raum sein für alle Lebenden und alle Am-Leben-Gewesenen, gleichberechtigt, Stimme  neben Stimme. Die Inschrift des Ahnendenkmals wäre so als deren Stimme zu verstehen, als Mahnung und Zuspruch.

Das Projekt "Wiederaufbau" wurde von Robert Lahr betrieben. Etwas Großes entstand wieder einmal aus dem Willen und der Kraft eines Einzelnen. Wir, die wir an diesem Tag zur Stelle waren, wurden zu Zeugen dieses historischen Ereignisses. Robert Lahr hat sich verdient gemacht.


Das Denkmal wurde unter der Aufsicht des Beauftragten Ruskovski aus Kutzura wieder aufgebaut. In seinem Beisein und im Beisein von Gemeindevertretern erfolgte die Wiedereinweihung in einem Gottesdienst, gehalten von Pfarrer Iviciak aus Novi Sad.



Ahnendenkmal 2013 mit Inschrift von 1936


  UNSRE  AHNEN

Glaubensstark in schwerster Not haben sie die Kraft gefunden,

haben Land und Herd und Brot, unsre Heimat uns errungen.

Zu Glauben, Treu und Einigkeit soll ihr Werk uns stets ermahnen,

auf daß wir bleiben allezeit Deutsch wie unsre Ahnen.




Sebastian Gerber rezitierte Hermann Hesses "Klage"



Klage

Uns ist kein Sein vergönnt. Wir sind nur Strom.

Wir fließen allen Formen ein:

Dem Tag, der Nacht, der Höhle und dem Dom.

Wir gehn hindurch, uns treibt der Durst nach Sein.

So füllen Form um Form wir ohne Rast.

Und keine wird zur Heimat uns, zum Glück, zur Not.

Stets sind wir unterwegs, stets sind wir Gast,

uns ruft nicht Feld noch Pflug, uns wächst kein Brot.

Wir wissen nicht, wie Gott es mit uns meint,

Er spielt mit uns, den Ton in seiner Hand,

der stumm und bildsam ist, nicht lacht noch weint,

der wohl geknetet wird, doch nie gebrannt.

Einmal zu Stein erstarren! Einmal dauern!

Danach ist unsere Sehnsucht ewig rege,

Und bleibt doch ewig nur ein banges Schauern,

Und wird doch nie zur Rast auf unsrem Wege.



Pfarrer Iviciak bei der Ansprache


Er predigte über das Wort aus 2. Tim. 1, 3-5. Darin betonte er den lebendigen Glauben der Ahnen, ein lebendiger Glaube als Beschützer und Beistand. Durch die Kultivierung des Landes wurden sie zum Segen für alle hier. Auf segensreiche Jahre folgten unglück- liche Kriegsjahre mit Zerstörung und Untergang. Er bat um Vernunft und Weisheit für die Heutigen. Pfarrer Iviciak schloss mit den Worten: "Möge der Herr uns alle segnen. Sowie auch die Botschaft des Ahnendenkmals - die Botschaft über unsere Hochachtung gegen- über den Vorfahren und die Botschaft des friedvollen Zusammenlebens und der Versöh- nung. Der Versöhnung mit Gott und mit unseren Nächsten. Amen.

"Das ganze Gewicht der Worte aus dem Vaterunser "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und erlöse uns von dem Bösen." war selten so schwer zu tragen wie an diesem Tag, an diesem Ort, auf dem serbischen Friedhof von BDP. Mit der Luther-Hymne "Ein feste Burg ist unser Gott" schloss die Feierstunde.


Nach dem  Gottesdienst  hatten  wir die Neubürger  zu einem  Umtrunk ins  Gasthaus im ehemaligen "Lutherheim" eingeladen. Leider  war der Zuspruch  seitens der heutigen Ein- wohner  von  BDP/Kischker nicht  sehr  zahlreich. Ob es am  falsch gewählten  Zeitpunkt gelegen hat?

Am Mittwochabend waren wir wieder mit den Neubürgern der Gemeinde im Lutherheim zu einem Begegnungsabend zum Thema "Frieden und Versöhnung" beisammen. Neben dem Bürgermeister-Stellvertreter Dragan Stijepovic hatten sich viele Vertreter örtlicher Institutionen und  Bürger aus der Gemeinde eingefunden, etwa 70 Personen  waren gekommen. Nach einem Abendessen, zu dem  die Reisegruppe  eingeladen  hatte, hörten  wir  Grußworte. Herr Dragan  Stijepovic stellte die Leistung der Donauschwaben heraus: Die fruchtbaren Felder, die Infrastruktur, die einsetzende  Industrialisierung. "Die Geschichte soll in Erinnerung bleiben." In seiner Erwiderung bedankte sich Robert Lahr in unser aller Namen für die freundliche  Aufnahme, für  den  Wiederaufbau des  Denkmals auf  Kosten der Gemeinde  Werbas(!), sowie die Möglichkeit, drei Memoranrum-Tafeln im Ort BDP anbringen zu dürfen. Dann  referierte  Robert Lahr  zum  Thema "Frieden und  Versöhnung", was anschließend zu einer positiven Diskussion zwischen ehemaligen Bürgern von Kischker und Neubürgern von BDP führte.

Rechtsanwalt  R. Radovic hieß uns "in  unserem  und Euerem  Kischker willkommen." Er skizzierte die Besiedelungsgeschichte ab 1947, die Situation  der Gegenwart mit der gro- ßen Arbeitslosigkeit und sprach von der Hoffnung auf Europa.

Schließlich ergriff noch Herr G. Kakucevovic, ein Historiker, das Wort. Er interessiere sich für die Geschichte  dieser Gegend und arbeite z. Zt. an dem  Projekt, das seelische Profil der Donauschwaben zu erstellen. "Wo  Lügen sind, gibt es keine  Freunde. Wo die Wahr- heit ist, ist das Gute. Wer nichts weiß, kann nicht gut sein. In einem Land  verschiedener Nationalitäten muss man die  Unterschiede verstehen  und zulassen, aber das  Recht auf die eigenen Werte behalten."

Zuletzt kam es zum munteren Frage- und Antwortspiel nach dem Motto einer Sendereihe des BR-Fernsehens nach dem Motto "Jetzt red i".


Am Donnerstag  erfolgte im modernen  Reisebus die  Ausfahrt nach Jarek, dorthin, wo ab 1944 unsere Alten, Kranken und Kinder gebracht  worden  waren, zu dem immer noch nur Wenigen bekannten Unort dieser ihrer Endstation, dieses  berüchtigte  Vernichtungs-lager. Wir kommen in  größerer Zahl als im April 2011 und wir werden - das ist für uns  alle sehr überraschend - von einer großen prominenten  Delegation  empfangen, von Csaba Csöke, in Vertretung des Präsidenten des Parlamentes der Vojvodina und  Vorsitzender des Ortsausschusses Temerin der Vereinigung der  Vojvodina-Ungarn, von  Andras  Gustonj, Vorsitzender  des Gemeinderates Temerin (mit  Jarek) und  Koordinator  für die geplante  Gedenkstätte, von Glisa  Mihajlov, Vorsitzender  des Vereins  Backi  Forum und  Organisator der  Empfangszeremonie, und  Frau Ljubica Tepic, Vorsitzende  des  Kulturvereins  Jarek. Zusätzlich hatte sich noch eine jugendliche Trachtengruppe eingefunden.

Unweit der  Häuser von Jarek, unweit des  Massengrabes der 6.500 dokumentierten deut- schen Opfer aus dem  Vernichtungslager Jarek  halten wir an einem  provisorischen Hügel mit einem schlichten  Holzkreuz  inne. Nacheinander  ergreifen die  genannten  Personen das Wort.



Andras Gustonj begrüßt unsere Reisegruppe an dem Platz,

an dem das Denkmal errichtet werden soll.


Sie nennen das Unsägliche beim Namen, sie entschuldigen sich für die Verschleppung bzw. die Behinderung des geplanten Denkmalaufbaues. Sie versprechen die Realisierung einer würdigen Gedenkstätte auch hier in Jarek. Sie legen sechs Blumengebinde nieder. "In stiller Trauer - die überlebenden Donauschwaben". Wir legen unser Blumengesteck nieder, entzünden das Totenlicht und gedenken im Gebet unserer Toten.

"Zurück ins Leben" so lädt uns die Vorsitzende, Frau Tepic, in das Haus des Kulturvereins in Jarek ein, wo wir bei vorzüglichem Gebäck und Getränken in Gesprächen mit unseren Gastgebern bekannt werden.

Der Vormittag war für uns alle ein psychischer Kraftakt. Darum war das nachfolgende Programm die pure Erholung, das Erlebnis Festung Peterwardein mit Mittagessen im Burglokal und Besichtigung der oberirdischen Teile der Festungsanlage, der Abstecher in die Altstadt von Neusatz mit ihren renovierten Bürgerhäusern, mit Bischofspalast, mit der Marienkirche, auch "die Kathedrale" genannt, mit der zur Fußgängerzone umgebauten Donaugasse, die uns den habsburgischen Ursprung auf Schritt und Tritt erkennen ließen.


Auf Peterwardein trafen wir Touristen aus Deutschland, die sich diesen Teil der Welt anschauen wollten. Nicht nur Neusatz ist eine Reise wert, lohnende Ziele in Serbien sind auch Subotica, Sombor und Apatin. Dorthin ging's für uns am Freitag, dem 11. Oktober, dem Jahrestag, an dem der zweite Treck Kischker verließ. Zunächst wurden wir vom Vize-Bürgermeister Miodrag Bakic im historischen Ratssaal empfangen. Begeistert stellte er uns seine Stadt Apatin vor, in der 14 Nationalitäten zu Hause sind. Er schloss seine Ausführungen mit den Worten "Kommen Sie wieder!". Reizvoll die schönen Straßenzüge, die Hauptkirche "Maria Himmelfahrt", in der von Freitag bis Sonntag nacheinander die Heilige Messe in kroatischer, ungarischer und deutscher Sprache gefeiert wird. Besondere Aufmerksamkeit verdient in diesem Gotteshaus "Die Schwarze Madonna". Der historisch Interessierte darf nicht die Herz-Jesu-Kirche verpassen. Dort hat Boris Masic eine beachtliche Sammlung wertvoller donauschwäbischer Bücher zusammengetragen, das älteste aus dem Jahr 1515. Auffallend neben der Kirche der gepflegte deutsche Friedhof. Zum Lokalkolorit passte dann das Fischpaprikasch im Hotel Kronic am Donau-Ufer, just an dem Platz, wo die Quelle und die Mündung jeweils 1.400 Kilometer entfernt sind.Der Nachmittag brachte uns wieder in die "Spur", wir besuchten in Sombor das "Deutsche Haus St. Gerhard" und das Monumentalbild "Die Schlacht bei Senta" im Rathaus. Junge Mitarbeiterinnen stellten uns die Ziele des Vereins vor: Erhalt und Förderung der donauschwäbischen Kultur und deren Identität. Das Leitwort "Wir verbinden" trifft die Zielsetzung. Drei verschiedene Organisationen sind unter dem Dach des Vereins tätig: Die "Humanitäre Hilfe Robert Lahr", die Donauschwäbische Kultur-stiftung des Landes Baden-Württemberg sowie das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa). Ein Schwerpunkt ist die Fortbildung für Deutschlehrer. Ein ganz wichtiges Arbeitsfeld ist für den Verein der Dienst auf den Friedhöfen. Sie werden geordnet und gepflegt. Dass wir Besucher verwöhnt werden, ist für frühere Gäste dieses Hauses nichts Neues.


In einer humanitären Hilfsaktion der Reisegruppe überreichte in Sombor Herr Robert Lahr im Namen der Teilnehmer vor den Augen aller Anwesenden an den Vorsitzenden des Vereins "Deutsches Haus St. Gerhard", Herrn Anton Beck, eine Barspende für die Bedürftigen in Sombor und Umgebung in Höhe von 500 EURO.

In gleichem Sinne und in gleicher Weise erging in Jarek im Kulturhaus an den Vor- sitzenden des Vereins Backi Forum, Herrn Glisa Mihajlov, eine Barspende für die Bedürf- tigen im Raum Jarek von 500 EURO.

Beim Begegnungsabend in Backo Dobro Polje übergab Herr Lahr dem Stellvertretenden Bürgermeister, Herrn Dragan Stijepovic, vor allen Anwesenden eine Barspende für die Bedürftigen in unserer Heimatgemeinde Kischker ebenfals in Höhe von 500 EURO.


Am Spätnachmittag ging es zu den Gedenkstätten Gakowa und Kruschiwl. Weil Kruschiwl mit dem großen Reisebus über die Feldwege nicht erreichbar ist, konnten nur 12 Teil- nehmer mit dem Sprinter dorthin fahren. Wir finden zwei würdige Denkmale für die unschuldigen Opfer eines infernalischen Krieges. Die in 2012 zerstörte Gedenktafel in Gakowa ist auf Kosten der Gemeinde Sombor wiederhergestellt.

Die Inschriften in Deutsch und Serbisch sind immer noch ganz neutral, d. h. bedeckt gehalten. Klare Aussagen über die Verantwortung der Schreckensherrschaft sind einer späteren Zeit vorbehalten. Die Fähigkeit, mit dem Kopf des anderen zu denken, ent- wickelt sich nur sehr langsam.

Blumengebinde und Totenlicht bleiben von uns als sichtbare Zeichen zurück. Unser Gebet für sie alle möchte erhört sein.


Die Tonkunst kennt den Begriff des Ostinato. Das Grundthema, der Ostinato dieser Reise, waren die Opfer des anonymen Völkermords an den Donauschwaben. Die Statistiken nennen Opferzahlen, Zahlen für den Kopf, für den Rechner, die man emotionslos zur Kenntnis nimmt. Ans Herz rührt allein das Einzelschicksal. Schmerzen werden verursacht durch Namen wie der Name Gerstheimer, die Tragödie einer ganzen Familie, Opfer in Jarek.

Am Samstag endlich mussten wir hinaus, um zu suchen, was nicht zu finden ist: Das anonyme Massengrab, das irgendwo im Koordinatensystem Feldweg - Bahnlinie - Über- landleitung liegt. Weil der Reisebus draußen an der Bahnlinie keine Wendemöglichkeit hat, kam es, wie es kommen sollte. Wir machten uns zu Fuß auf den Weg, auf den Weg der Verurteilten, der Totgeweihten in der Novembernacht 1944. Es war ein Weg im Gedenken, es ist der Kreuzweg. Irgendwo halten wir dann inne, wir hören die Namen aller 142 Erschossenen unseres Dorfes. Im Psalm 85 finden wir die Fragen dieser Stunde und Antworten, die von Treue, Gerechtigkeit und Frieden sprechen.

                      "Seele, vergiss sie nicht. Seele, vergiss nicht die Toten." (F. Hebbel)


Die vielen Fragen vor Reisebeginn werden die Teilnehmer in der Rückschau ein jeder für sich beantworten. Es war  ein Gemenge  aus Heimatkunde, Geschichtsunterricht, politi- scher Mission, Familienforschung, Tourismus und positiven menschlichen Begegnungen. Es war die Konfrontation von Vorurteilen und wahrnehmbaren Korrekturen. Wie soll man zwei serbischen Studenten diese Frage "Warum hassen uns die Deutschen?" beant-worten?

In diesen Tagen begegneten wir einer langsamen, entschleunigten Lebensweise. Die Menschen dort haben noch Zeit.

Über das Gesehene und Gehörte, die objektiven Wahrnehmungen hinaus sprachen wir untereinander über ganz persönliche Empfindungen und Emotionen. Friedensschlüsse mit seinen Emotionen brauchen Zeit. Zu aufgewühlt erlebten viele diese Tage.

Das ganz persönliche Fazit, die eigene Gemütslage ist am zutreffendsten mit Hilfe von Pascal Mercier zu fassen: "Im eigenen Inneren sind wir nicht auf unsere Gegenwart beschränkt, sondern weit in die Vergangenheit hinein ausgebreitet. Das kommt durch unsere Gefühle, namentlich die tiefen, die darüber bestimmen, wer wir sind. Denn diese Gefühle kennen keine Zeit. Darum bin ich immer noch dort. Ich lebe ausgebreitet in die Vergangenheit hinein oder aus ihr heraus. Auch im Raum erstrecken wir uns weit über das hinaus, was sichtbar ist. Wir lassen etwas zurück, wenn wir einen Ort verlassen, wir bleiben dort, ogleich wir wegfahren. Und es gibt Dinge an uns, die wir nur dadurch wieder finden können, dass wir dorthin zurückkehren. Wir fahren an uns heran, reisen zu uns selbst." (aus "Nachtzug nach Lissabon")


Dem Initiator, Organisator und Reiseleiter Robert Lahr gilt ein großer Dank für eine unge- wöhnliche, spannende, erregende Reise.


Text: Sebastian Gerber und Erich Gerber

Fotos: Erich Gerber