KISCHKER
in der
Batschka

1786 - 1944

Unsere Untertitel

•  DER UNTERGANG & CHARTA

1. Charta der deutschen Heimatvertriebenen

2. Der Untergang Kischkers

3. Auf der Flucht

4. Leidensweg - Heimweh

5. Zurückgelassenes

6. Die Vermögensverluste

7. Die wahren Ursachen

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1.  Charta der deutschen Heimatvertriebenen

          vom August 1950 

 

Im Bewußtsein ihrer Verantwortung vor Gott und den Menschen, im Bewußtsein ihrer Zugehörigkeit zum christlich-abendländischen Kulturkreis, im Bewußtsein ihres deutschen Volkstums und in der Erkenntnis der gemeinsamen Aufgabe aller europäischen Völker, haben die erwählten Vertreter von Millionen Heimatvertriebenen nach reiflicher Überlegung und nach Prüfung ihres Gewissens beschlossen, dem deutschen Volk und der Weltöffentlichkeit gegenüber eine feierliche Erklärung abzugeben, die die Pflichten und Rechte festlegt, welche die deutschen Heimatvertriebenen als ihr Grundgesetz und als unumgängliche Voraussetzung für die Herbeiführung eines freien und geeinten Europas ansehen. 


1. Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung. Dieser  Entschluß ist uns ernst und heilig im Gedenken an das unendliche Leid, welches  im besonderen das letzte Jahrzehnt über die Menschheit gebracht hat.

 

2. Wir werden jedes Beginnen mit allen Kräften unterstützen, das auf die Schaffung eines geeinten Europas gerichtet ist, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können.

 

3. Wir werden durch harte, unermüdliche Arbeit teilnehmen am Wiederaufbau Deutschlands und Europas. 

 

 Wir haben unsere Heimat verloren. Heimatlose sind Fremdlinge auf dieser Erde. Gott hat die Menschen in ihre Heimat hineingestellt. Den Menschen mit Zwang von seiner Heimat trennen, bedeutet, ihn im Geiste töten.
  Wir haben dieses Schicksal erlitten und erlebt. Daher fühlen wir uns berufen zu verlangen, daß das Recht auf die Heimat als eines der von Gott geschenkten Grundrechte der Menschheit anerkannt und verwirklicht wird.
 
So lange dieses Recht für uns nicht verwirklicht ist, wollen wir aber nicht zur Untätigkeit verurteilt beiseite stehen, sondern in neuen, geläuterten Formen verständnisvollen und brüderlichen Zusammenlebens mit allen Gliedern unseres Volkes schaffen und wirken.

Darum fordern und verlangen wir heute wie gestern:


1. Gleiches Recht als Staatsbürger nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch in der Wirklichkeit des Alltags.

  

2. Gerechte und sinnvolle Verteilung der Lasten des letzten Krieges auf das ganze deutsche Volk und eine ehrliche Durchführung dieses Grundsatzes.

   

3. Sinnvollen Einbau aller Berufsgruppen der Heimatvertriebenen in das Leben des deutschen Volkes.

  

4. Tätige Einschaltung der deutschen Heimatvertriebenen in den Wiederaufbau Europas.


Die Völker der Welt sollen ihre Mitverantwortung am Schicksal der Heimatvertriebenen als der vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen empfinden.
  Die Völker sollen handeln, wie es ihren christlichen Pflichten und ihrem Gewissen entspricht.
  Die Völker müssen erkennen, daß das Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen wie aller Flüchtlinge, ein Weltproblem ist, dessen Lösung höchste sittliche Verantwortung und Verpflichtung zu gewaltiger Leistung fordert.
  Wir rufen Völker und Menschen auf, die guten Willens sind, Hand anzulegen ans Werk, damit aus Schuld, Unglück, Leid, Armut und Elend für uns alle der Weg in eine bessere Zukunft gefunden wird.

Stuttgart, den 5. August 1950
  

           

 

 

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Alles Folgende ist aus dem Buch

-"UNVERGESSENES KISCHKER" herausgegeben von Johann Lorenz D. J. - 1980 -

entnommen.

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 2.    Der Untergang Kischkers  

    Am 8. Oktober 1944 kam die Durchsage, dass die Bevölkerung die Flucht ergreifen soll,  und zwar in Richtung Sombor.

Wer soll die Flucht organisieren? 

„Niemand, ein jeder auf eigene Verantwortung!“

   Am    9. Oktober 1944 fuhren die ersten Wagen weg.

   Am  11. Oktober 1944 verließ der zweite Treck das Dorf. So ging es weiter bis zum 14. Oktober 1944, zum Teil auch mit deutschen Lastwagen.

Dann wurden 16 Fuhrwerke, die auf dem Weg Richtung Werbaß waren, von Partisanen angehalten und zurück nach Kischker getrieben.

   Kischker war ab 15. Oktober 1944 in der Hand der Partisanen.

   1.239 Personen blieben zurück, einem ungewissen Schicksal ausgeliefert.

Die Gemeinde-Name „Kisker“ wurde am 15. Oktober 1944 heruntergenommen

und das Dorf hieß wieder Backo Dobro Polje“.

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Das Unheil nahm seinen Lauf. 

 

Am 9. November 1944  wurden 78 Personen einem grässlichen Verhör unterzogen.

In der Nacht an das Bombenloch  45°30'04.3"N 19°39'17.8"E  nahe der Kischkerer Bahnstation getrieben und dort erschossen.

Zigeuner mussten sie verscharren.

 

Die Namen der Unglücklichen:

 

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   Am 12. November 1944 kamen mehrere Fuhrwerke von Sombor - wohin sie Kriegsmaterial gefahren hatten - zurück.

   Jakob Schweikert, geb. 1874, wurde von den Partisanen in Alt-Siwatz angehalten. Sie wollten sein Pferd ausspannen, da Schweikert sich zur Wehr setzte, wurde er geschlagen und erschossen.

Weitere 3 Fuhrwerke wurden in Werbaß angehalten. Es waren Schneider Peter, geb. 1885, Seene Christian, geb. 1904, und Seene Adam, geb. 1892. Da sie das Gepäck einer auf der Flucht zurückgebliebenen Frau auf dem Wagen hatten, wurden sie unter dem Verdacht des Diebstahls verhaftet und erschossen.

 

 Die Namen dieser Unglücklichen: 

 

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Am 14. November 1944  wurden weitere 47 Personen wieder einem grässlichen Verhör unterzogen und am Ziegelofen  45°29'40.8"N 19°41'56.3"E  von Christian Heinz erschossen und verscharrt. 

 

Die Namen der Unglücklichen:

 

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Am 20. November 1944 wurden 14 Personen zusammengetrieben und nach einem Verhör am Abwasserableitungskanal  45°29'29.8"N 19°41'23.4"E

gegenüber der Frankschen  Hanffabrik erschossen und verscharrt.

 

Die Namen der Unglücklichen:

                                  

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Das Unheil nahm einen weiteren Verlauf.

 

Im Dezember 1944 nach Russland deportiert und dort oder kurz nach der Entlassung gestorben.

 

 

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Am 6. Dezember 1944 von den Partisanen verschleppt und im Lager Mitrowitz gestorben.

 

 

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Bei der Bombardierung von Dresden am 13./14. Februar 1945 umgekommen.

 

 

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Am 8. Mai 1945 durch Bomben in Auscha CSR  umgekommen.

 

 

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Auf der Flucht tödlich verunglückt.

 

 

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Im Lager Kischker gestorben.

 

 

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Im Lager Jarek gestorben.   

 

 

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 Im Lager Werbaß verstorben.

 

        

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Im Lager Gakowo verstorben.

 

 

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In verschiedenen Läger verstorben.

  

 

     "Seele, vergiss sie nicht. Seele, vergiss nicht die Toten." (F. Hebbel) 

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Kischker heute 2017

73 Jahre nach dem Untergang ein - durch die ethnische Vielfalt -  zerrissenes Dorf, ohne Charme, ohne Charakter, ohne Leben.

 

   Kischker und die Batschka sind trotzdem, immer eine Reise wert!

 

Wir dürfen unser wunderbares, schönes Kischker - wie es früher war -

nie vergessen!

 Werner Neumann

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3.      AUF DER FLUCHT

         Von Ludwig Schwarz, Kaufmann

 

   Kischker, eine der östlichsten josephinischen Siedlungen in der Batschka, fand nach 158jährigem Bestehen im Oktober 1944 durch die Kriegsereignisse ein unerwartet jähes Ende. Sie war eine der mittleren, aber eine der schönsten und reichsten schwäbischen Siedlungen in diesem Gebiet. Ihr Gemeindehotter umfaßte zwar nur 4800 kat. ]och Ackerland, aber durch zähe Arbeit und Fleiß dehnten ihre Einwohner ihren Besitz immer mehr nach Norden, Westen und Süden, auf die Gemarkungen Altwerbaß, BatschSentamasch und Altker aus und erreichten einen Besitz von ungefähr 12 800 kat. ]och. Der Wohlstand zeigte sich auch an den schönen großen Bauern- und schmucken Arbeiterhäusern, welche die Bewunderung der Andersnationalen hervorriefen. Aber nicht nur Bewunderung, sondern auch Neid und Haß erweckte unser Wohlstand. Unsere Feste und Kundgebungen erregten bei den staatlichen Stellen Ärger und veranlaßten sie zu Abschreckmaßnahmen, indem bei Ausbruch des Krieges zwischen Deutschland und Jugoslawien Männer als Geisel verhaftet werden sollten. Durch die schnelle Verständigung der Werbaßer Ortsgruppe wurden die Verhaftungen in unserer Gemeinde verhindert. Die Ereignisse, die sich während des Krieges zwischen Deutschland und Jugoslawien ergaben, will ich hier nicht schildern.

   Am 8. Oktober 1944 kam von der Kreisleitung in Werbaß an den Kulturbundobmann Heinrich Schmidt der Auftrag bzw. der Befehl, mit allen Bürgern der Gemeinde den Ort sofort zu verlassen. Obmann Heinrich Schmidt kam sofort zu mir und fragte mich, was er tun solle. Ich sagte ihm, er solle einen Mann aufnehmen, der durch Trommelschlag die Bevölkerung aufruft, heute abend um 6 Uhr vor dem Gemeindehaus zu erscheinen. Obmann Schmidt befürwortete diesen Plan und ging. Spät abends hörte ich den Trommelschlag und wie der Trommler ausrief, daß morgen alle in der Werbaßer Straße auffahren sollen, aber die alten Menschen können zu Hause bleiben. Als ich den für unser Volk verderblichen Aufruf hörte, ging ich sofort zum Obmann, um zu hören, wer dem Trommler diesen Auftrag gab. Leider konnte ich ihn die ganze Nacht hindurch nicht finden. Als ich ihn in der Früh um 3 Uhr fand und ihn fragte, wer dem Trommler den Auftrag gab, anders auszurufen, als wir beschlossen hatten, gab er mir zur Antwort, die Blockleiter haben das beschlossen. Da die Zeit zu kurz war, um das ganze Programm umzustellen, fuhren wir am 9. Oktober in der Früh in der Werbaßer Straße auf. Ich möchte vorausschicken, daß die 'schnelle Auffahrt nur möglich war, weil unsere Menschen schon Wochen vorher alles zur Flucht vorbereitet hatten. Beim Auffahren in der Werbaßer Straße zeigte es sich, wie falsch der Aufruf war.  Von einigen hundert Fuhrwerken in der Gemeinde kamen nur 30. Nach langem Warten setzte sich die Wagenkolonne gegen Werbaß in Bewegung, 

 

 

   als wir durch Neuwerbaß fuhren, rief man uns zu, wo wollt ihr hin, die Straße ist mit Toten und Wagenkolonnen blockiert. Ihr kommt nicht mehr durch, die Russen sind schon in Baja. Dessen ungeachtet fuhren wir ruhig weiter, bis wir nachmittags in Tscherwenka ankamen und dort in verlassenen Häusern übernachteten. Am 10. Oktober in der Früh ging die Fahrt über Siwatz, Kernei bis Sombor weiter, wo wir auf der Hutweide übernachteten und nachts ein Gewitterregen kam. Am 11. Oktober in der Früh ging es über Besdan bis Kollut weiter, wo wir in den bereits verlassenen Häusern übernachteten und am nächsten Tag uns in der Gemeinde Kollut mit Lebensmitteln sowie Futtermitteln eindeckten und nochmals übernachteten. Am 13. Oktober in der Früh ging die Fahrt bis Baja, wir kamen nachmittags dort an. Da wir nicht wußten, ob wir am Bajaer Donauufer überschifft werden, mußten wir in Baja auf offener Straße übernachten. In der Früh um drei Uhr kam die Nachricht, daß wir am Bajaer Donauufer nicht mehr überschifft werden können, da schon der Hafen überfüllt ist. Nach einer halben Stunde kam der Befehl, in Richtung Kalotscha weiterzufahren, wo wir nachmittags ankamen und dort auf der Hutweide übernachteten. Am nachsten Tag bei schönem, sonnigem, für die Fliegerangriffe günstigem Herbstwetter, ging die Fahrt auf einem 6 Meter hohen und 4 Meter schmalen Dammweg bis nach Dunaföldvar, wo wir nachmittags um 4 Uhr an der Donaubrücke ankamen. Da zu dieser Zeit die ungarische Regierung in Budapest gestürzt wurde, mußten wir sofort den Übergang über die Donau durchführen. Als wir das andere Ufer der Donau erreicht hatten, kam die Nachricht, daß Szállasi die Regierung übernommen hat. Wir fuhren dann 2 km westlich von der Donau, wo wir auf offener Straße übernachteten. Am nächsten Tag fuhren wir bis nach Dunakömlöd, wo wir die Pferde fütterten und das Mittagsmahl einnahmen. Am Nachmittag fuhren wir über Paksch, wo wir mit dem großen Treck, der unsere Heimat erst am 11. Oktober verlassen hatte, zusammentrafen. Gemeinsam ging es auf schlechten, aufgewühlten Straßen weiter bis nach Györköny, wo wir nach solch großen und anstrengenden, mit Strapazen verbundenen Fahrten eine 12tägige Ruhepause einlegten, die für unsere Menschen und Pferde eine Wohltat war, so daß wir am 30. Oktober mit ausgeruhten Menschen und Pferden die Fahrt auf schlechten, unwegsamen Straßen fortsetzten. Bei dieser Fahrt stürzten 3 Wagen in den Straßengraben und es kam somit eine Stockung in den Treck. Nachdem die Wagen durch gemeinsame Arbeit wieder flottgemacht waren, ging die Fahrt weiter, bis wir abends in der Dunkelheit in der Gemeinde Tamasi ankamen wo wir bei  kaltem Wind und Regen auf offener Straße übernachteten. Am nächsten  Tag fuhren wir über Felsöireg nach Tab, wo wir am Abend des 2. November ankamen. In Tab legten wir eine 14tägige Ruhepause ein. Da bei manchen Familien die Lebensmittel knapp wurden, stellten wir eine gemeinsame Küche auf. Für die Pferde wurde Heu gekauft und verteilt. Da auch Hafer vorhanden war, gingen Georg ]aki und ich zum Gemeindenotar, um diesen Hafer käuflich zu erwerben. Er gab uns zur Antwort, daß er über den Hafer nicht verfüge. Wir mußten uns telegraphisch an den Vizegespan wenden, um die Freigabe des Hafers zu erwirken. Der Vizegespan gab den Hafer frei. Die Gebietsführer Krämer und Spreitzer hatten in Tab Obmann Heinrich Schmidt 4O OOO Pengö zum Ankauf von Lebensmitteln und Futter übergeben. Es wurden 2 Sack Zucker, einige Zentner Mehl, 12 Zentner Kartoffeln und 150 Doppelzentner Hafer sowie ein Schober Heu gekauft. Gebietsführer Krämer hatte einen guten Plan. Er wollte unsere Pferde und Wagen übernehmen, um die Deutschen aus der Baranya nachzuholen. Wir sollten mit der Bahn nach Deutschland weiter fahren. Mein Hausherr, der mit dem Stationschef sehr gut befreundet war, und ich gingen zur Bahn, um mit dem Stationschef zu sprechen und zu verhandeln wegen der Waggons. Der Stationschef war sehr entgegenkommend, suchte alle Bahngleise ab und stellte uns 36 Waggons für den Treck zur Verfügung. Als wir schon begannen, unser Gepäck zu verladen, kam von der Gebietsführung der Befehl, die Verladung einzustellen. Dieser Befehl war keine Wohltat für uns Menschen. Wir waren von den kalten und nassen, mit Strapazen verbundenen Tagen und Nächten verschont geblieben. Nur 100 bis 2OO Personen, die kein eigenes Fuhrwerk hatten, wurden einwaggoniert. Am 12. November in der Früh ging die Fahrt weiter über Nagybereny, Siofok bis in die Nähe von Lepseny, wo wir bei kaltem Regen auf offener Straße übernachteten und früh morgens über Balatonkenese bis Veszprem weiterführen. ln Veszprem hatten wir keine Unterkünfte und mußten wieder bei kaltem Regen in der Nahe der Stadt auf einem freien Platz übernachten. Von Veszprem ging die Fahrt über gebirgiges Gelände, wo wir unsere Fuhrwerke mit dem Knüppel in der Hand bremsen mußten. Wir kamen am Abend, als es schon dunkelte, in Bakonyjako an und wurden in Häusern untergebracht. Zu erwähnen wäre noch, daß wegen der großen Wagenkolonne in Tab zwei Trecks gebildet wurden. Einer unter Obmann Schmidt und der zweite unter Johann Hügel, so dass wir getrennt fahren konnten. Von Baganyjako ging es über Papa, zwischen Baganviako und Pápa mußten wir einen höheren Hügel überfahren, was durch den aufgeweichten Boden fast unmöglich war, so daß wir uns gegegenseitig helfen mußten. Am Abend kamen wir in einer kleinen Gemeinde an; da wir nicht alle untergebracht werden konnten, mußten wir uns auf mehrere Gemeinden verteilen. In der Früh ging es über Szany bis Csorna weiter, wo wir mittags ankamen. Am Nachmittag konnten wir für unsere Menschen Lebensmittel und für die Pferde Futter fassen. Nach der Fassungin Csorna ging die Fahrt am Nachmittag weiter und wir kamen abends in Kapuvar an, wo wir in Häusern untergebracht wurden. Den nächsten Tag versuchten wir, da in Kapuvar eine Fleischkonservenfabrik war, für  das restliche Geld, das der Obmann erhalten hatte, Fleischkonserven zu kaufen. Leider waren keine mehr da. Am nächsten Tag ging die Fahrt bei kaltem Sturm, Regen und Schnee über Nagycenk, wo wir rasteten und die ersten deutschen Mark eintauschten, bis Ödenburg weiter, wo wir am Abend ankamen und zum großen Glück als durchnäßte, erfrorene Menschen in Häusern untergebracht wurden. Den nächsten Tag überschritten wir die deutsch-österreichische Grenze, fuhren über Klingenbach, wo uns Sturmführer Brücker aus Beograd erwartete, der uns neue Fahrtinstruktionen nach Schlesien gab. In Klingenbach bekamen wir eine warme Suppe, faßten Brot und Fleischwurst und für die Pferde Heu. Nach der Fassung und Ubernachtung ging in der Früh die Fahrt bis Ebenfurth weiter, wo die meisten Wagen in einem Gutshof untergebracht wurden. Am Nachmittag fuhren wir bis zur kleinen Stadt Berndorf, welche in einem wunderschönen Tal liegt. Bei der Einfahrt in die Stadt mußten wir als Bremsen Knüppel Verwenden, um ein Unglück zu vermeiden, da es steil abwärts ging. Wir wurden auch hier über die Nacht in Häusern untergebracht. In der Früh ging es bis zum Rehhof, wo wir mittags ankamen und in einem 20 cm tiefen Schlamm und Dreck unsere Wägen und Pferde unterbringen mußten. Die Frauen und Kinder konnten auf dem Dachboden des Hofgebäudes übernachten, konnten aber nicht schlafen, da zuviel Läuse vorhanden waren. Im Rehhof wurden diejenigen Familien, die mit ihren Wagen und Pferden nicht mehr weiterfahren konnten, zurückbehalten. 30 Wagen an der Zahl. Die restlichen Trecks fuhren am nächsten Tag in Richtung St. Pölten weiter. In St. Pölten wurde wieder die Hälfte der Pferde und Wagen an eine Kommission übergeben. Der restliche Treck fuhr über die Tschechoslowakei in Richtung deutsche Grenze bis nach Glatz, wo er im Raume Frankenstein, Reichenberg, Schweinitz, Breslau, Glogau einquartiert wurde. Die im Rehhof Zurückgebliebenen, darunter auch meine Familie, wurden nach Übergabe der Pferde und Wagen an eine Kommission mit ihrem Gepäck zum Bahnhof gefahren und einwaggoniert. Nachdem alle einwaggoniert waren, ging der Zug in Richtung Wiener Neustadt ab. In Wiener Neustadt mußten wir wegen Fliegerangriffsschäden zwei Tage zur Sicherheit außerhalb des Bahnhofes stehenbleiben. Dort hörten wir vom Bahnhofspersonal zum ersten Male die Worte: Diese Zigeuner hätten zu Hause bleiben können. Ungeachtet dessen, erhielten wir bei der Bahnhofsmissionsküche eine gute, mit viel Gemüse gekochte Suppe, Milch und Brot für die Kinder. Nach zweitägiger Wartezeit konnten wir in Richtung Wien weiterfahren. Außerhalb Wiens blieben wir wegen Fliegerangriff auf offener Strecke stehen. Die Lok wurde abgehängt, und so standen wir einen Tag und eine Nacht. Endlich kam wieder eine Lok, die uns über Wien hinausbrachte. Dann ging es 8 Tage sehr langsam durch die Tschechoslowakei, da ständig Militärtransportzüge unterwegs waren und diese den Vorzug hatten. Es muß noch erwähnt werden, daß wir an einem tschechoslowakischen Bahnhof weißes Brot und ungarische Herzsalami sowie Torte für die Kinder faßten, wobei in Österreich nicht einmal Kartoffeln zu haben waren. Am 26. November 1944 fuhren wir über die deutsche Grenze und kamen nachmittags in Glatz an, wo wir unsere Route zur Weiterfahrt nach Namslau erhielten. Am 28. November kamen wir in Namslau am Bahnhof an, wo schon Lastwagen auf uns warteten, um unser Gepäck in eine Schule zu bringen, wo wir unter gebracht wurden. 

   Die Schule wurde dann durch den Schuldiener geheizt. Wir wurden von der Kreisleitungsküche verpflegt. Das Essen war, den damaligen Verhältnissen entsprechend, nicht schlecht. Die jungen Menschen wurden in die Arbeit eingestellt. Nach 14 Tagen wurden einige Familien auf Gutshöfe übersiedelt und dort in die Landwirtschaft eingestellt. Weihnachten feierten wir am Christkindabend in einer großen Halle, wo Kreisleiter Jahnsen eine zu Herzen gehende Ansprache hielt, daß kein Auge trocken blieb. Sodann wurden wir reichlich beschenkt. Diese Ruhepause für unsere Landsleute währte leider nicht lange. Am 18. jänner 1945, mittags 12 Uhr, verkündete Kreisleiter Jahnsen vom Balkon des Rathauses, daß niemand falsche Nachrichten verbreiten soll. Die Front steht gut. Nachmittags um 4 Uhr kam der Befehl, die Russen sind durchgebrochen, rette, wer sich retten kann. Ich kann es hier nicht so schildern, welch große Panik unter der Bevölkerung entstand, das muß man miterlebt haben. 2000 Einwohner ohne Lastautos oder Fuhrwerke. Die Menschen waren kopflos. Wir lagerten unser Hauptgepäck in den Schulkeller und gingen bei 14 Grad Kälte mit kleinerem Handgepäck auf die Straße, um eine Fahrgelegenheit zu bekommen, was leider nicht der Fall war. Als wir es vor Kälte auf der Straße nicht mehr aushalten konnten, ging ich zum Bahnhof, um zu sehen, ob wir nicht mit der Bahn fortkommen können. Als ich den Verkehrsbeamten fragte, ob noch ein Zug durchkommt, gab er mir zur Antwort, daß noch drei Züge von Kreuzberg angemeldet sind, aber ob sie sicher durchkommen, weiß er nicht. Wir sollten unser Gepäck zum Bahnhof bringen. Das machten wir sofort. Kaum waren wir mit dem Gepäck am Bahnhof angekommen, fuhr von Kreuzberg ein Lastzug ein. Das Gepäck wurde sofort verladen und nach 11-stündiger Wartezeit ging der Zug in Richtung Breslau ab. Nach dreistündiger Fahrt kamen wir in Liegnitz an, wo wir umsteigen mußten. Was sich am Bahnhof von Liegnitz zutrug, kann ein Mensch fast nicht glauben. Wir hatten auf der Flucht vieles erlebt und durchgemacht, aber so etwas wie am Bahnhof in Liegnitz noch nicht. Bei einem Zugeinlauf stürmten Hunderte von Menschen den Bahnsteig hinauf. Frauen mit ihren Kindern wurden rücksichtslos niedergetreten, ein Jammern und Weinen, das nicht mehr zu ertragen war. Endlich um 4 Uhr in der Früh konnten wir einsteigen und abfahren. Die Fahrt ging über Görlitz nach Dresden. In Dresden mußten wir umsteigen, dann ging die Fahrt über die Tschechoslowakei bis in das Reichsgebiet (Fichtelgebirge), wo wir nachmittags am 21. Januar 1945 am Bahnhof in der Stadt Gefress ankamen und schon Bauernschlitten auf uns warteten, die uns in die kleine bäuerliche Ortschaft Wundenbach brachten, wo wir auf Bauernhöfen untergebracht wurden. Weil es Winter war, trat für uns eine kleine Ruhepause ein. Vom Frühjahr über den Sommer waren wir in den bäuerlichen Betrieben beschäftigt, um zusätzliche Lebensmittel zu erhalten. In dieser kleinen Ortschaft erlebten wir den Einmarsch der amerikanischen Truppen. Im September kam ein gefangener serbischer Leutnant zu uns, um uns Jugoslawen zu erfassen. Er sprach die Hoffnung aus, daß wir wieder in die alte Heimat zurück können. Am nächsten Tag kam der Befehl, dass wir in das Unralager Helmbrechts übersiedeln sollen, was auch sofort durchgeführt wurde. In diesem Lager erhielten wir soviel Lebensmittel, daß wir nicht alles aufessen konnten. Diese Herrlichkeit währte nur zwei Monate, da mittlerweile der Befehl kam, daß Jugoslawiendeutsche nicht mehr nach ]ugoslawien zurückkehren können. Am 15. November 1945 übersiedelten wir in die Festung Kronach, wo über 300 Jugoslawiendeutsche untergebracht wurden. In der Festung richteten wir es uns ganz heimisch ein. Nur waren die Lebensmittel sehr knapp. Ständig mußte ein Familienmitglied hamstern gehen, was oft mit allerhand unangenehmen Schikanen verbunden war.

   Als das Frühjahr kam, wurden die Lagerinsassen sehr unruhig. Alles suchte nach einem Ausweg. Da las ich in einem Rundschreiben, das von der jugoslawiendeutschen Auskunftstelle in München herausgegeben wurde, daß sich jugoslawiendeutsche für die Übersiedlung nach Baden-Württemberg melden sollten. Auf das hin fuhr ich nach Münchenum zu hören, wie diese Übersiedlung vonstatten gehen sollte. In München bekam ich die Auskunft, daß Transporte organisiert werden sollen, um zu jeder Zeit verladungsbereit zu sein. Ich hörte in München, daß mein Freund ]aki Georg auch schon in dieser Angelegenheit dort vorsprach. Sodann fuhr ich gleich zu meinem Freund Jaki nach Saale, um mit ihm die Organisierung der Transporte zu besprechen. Nachdem wir uns ausgesprochen hatten, fuhr ich nach Kronach zurück, um einen Transport zusammenzustellen. Nach einigen Tagen bekam ich von Georg Jaki ein Schreiben, in dem er mich ersuchte, mit ihm nach Stuttgart zur jugoslawiendeutschen Auskunftstelle und nach Württemberg-Baden zu fahren, um die Gemeinden zu besichtigen. Ich fuhr am nächsten Tag nach Saale, und wir fuhren gemeinsam nach Stuttgart zur jugoslawiendeutschen Auskunftstelle, wo uns gesagt wurde, daß wir alles zum Abtransport vorbereiten sollen. Nachher fuhren wir nach Bonndorf, wo uns Lage und Gegend gefiel, aber die Straßen und Höfe waren nicht in Ordnung. Von dort fuhren wir in das Badische nach Karlsruhe, besichtigten einige Gemeinden, die uns wegen ihrer günstigen Stadtnähe sehr gut gefielen. Darauf entschlossen wir uns, in die Umgebung von Karlsruhe mit unseren Landsleuten zu übersiedeln. Dann kehrten wir beide in unsere Ausgangsstationen zurück. Nach einem Monat Wartezeit erhielt ich am 8. Juli 1946 von München die Transportpapiere. Am Bahnhof in Kronach wurden uns 4 Waggons zur Verfügung gestellt. Wir begannen sofort mit der Einladung. Aber leider konnte nur ein Viertel der Jugoslawiendeutschen verladen werden. Es war für mich sehr peinlich, daß ich sie nicht alle auf einmal mitnehmen konnte. Sie kamen später alle nach. Wir hatten sie nicht vergessen. Nach der Einladung fuhren wir am 9. Juli 1946 nach Kronach in Richtung Nürnberg, Krailsdorf, Heilbronn bis nach Kornwestheim, wo unser Zug mit dem Transport der aus Bayern gekommenen Landsleute gekoppelt wurde. Das war eine große Wiedersehensfreude. Wir fuhren dann gemeinsam in Richtung Karlsruhe, wo wir am 12. Juli 1946 am Westbahnhof in Karlsruhe ankamen. Dort wurden wir von meinem Freund Jaki Georg empfangen, da er schon einen Monat früher mit einem Transport angekommen war. Jaki und ich gingen zum Flüchtlingsvertreter des Lagers in Karlsruhe, um die weiteren Dispositionen einzuholen. Da im Flüchtlingslager eine epidemische Krankheit ausgebrochen war, teilte man uns gleich in die einzelnen Gemeinden auf. Nach der Entlausung wurden wir auf Lastwägen verladen und in die Gemeinden gefahren. In den Gemeinden angekommen, wurden einige gleich, die anderen den nächsten Tag in teilweise gute und teilweise schlechte und sehr kleine Wohnungen, oft 6 Personen in einen Raum, eingewiesen. So legten die ersten Transporte den Grundstein zur neuen Heimat im Landkreis Karlsruhe. In den nächsten Jahren kamen noch weitere Transporte von Landsleuten in den Landkreis Karlsruhe. Die im Landkreis Karlsruhe eingebürgerten Landsleute dürften heute die Zahl 1000 erreicht haben. Allein in Neureut ist ein „Kleinker“ mit über 100 Familien entstanden. Eine Rückkehr in die alte Heimat war nicht mehr möglich.  

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4.  Leidensweg einiger vom Heimweh geplagten Landsleute

 

Ende November 1944 kamen einige Landsleute in Rengersdorf/Schlesien an. Aber sie konnten sich über diese Einquartierung nicht lange freuen, denn bald hörten sie den Donner der Kanonen. Die russische Front kam immer näher. Auf Anordnung der Behörde mußten sie diese Zufluchtsstätte verlassen.

   Da das Militär ihnen die Pferde weggenommen hatte, wurden sie mit verschiedenen Fahrzeugen und vom Militär am 20. Februar 1945 nach Friedland gebracht. Von dort kamen sie in Viehwaggons bis nach Graslitz und wurden am 25. Februar 1945 in Silberbach/Sudetenland einquartiert. Da der Krieg aus war, sollte es am 21. August 1945 per Bahn heimwärts gehen. Die Fahrt ging über Prag bis nach Waitzen (Vacz), etwa 50 km nordwestlich von Budapest. So groß die Freude zuvor war, so war die Enttäuschung noch größer, als ihnen dort mitgeteilt wurde, daß sie nicht weiter fahren dürfen, sondern zurücktransportiert werden. Nach verschiedenen Beschimpfungen, die hier nicht angeführt werden können, wurden sie, ohne Verpflegung erhalten zu haben, nach einem Aufenthalt von etwa 10 Tagen abgeschoben.

   So kamen sie am 1. September 1945 in Kijov (CSR) an, wo sie zum Teil in offenen Waggons untergebracht und wie Sträflinge bewacht und sogar schikaniert wurden. Die Lebensmittel waren erschöpft, so entfernten sich trotz Lebensgefahr - einige Landsleute, um Eßwaren zu besorgen. Aus diesem Anlaß wurde so manches Kleidungsstück vertauscht. In der Nacht wurden sie oft von Männern in russischen Uniformen überfallen, die ihnen die Uhren, den Schmuck und die Männerkleidung wegnahmen. Besonders auf pelzgefütterte Kleidungsstücke hatten sie es abgesehen. Eines Tages mußten alle antreten. Die arbeitsfähigen Männer sowie die kinderlosen Frauen, die Burschen und Mädel über 14 ]ahren wurden ins Lager eingeliefert. Einige Mütter blieben freiwillig dort, um das Schicksal ihrer Kinder zu teilen. Die nicht ins Lager eingelieferten Alten, Kranken und die Frauen mit kleinen Kindern wurden, nachdem ihnen noch der Rest ihrer guten Kleidung abgenommen wurde, im September 1945, ohne von den Zurückgebliebenen eine Anschrift zu haben, in das Ungewisse abtransportiert. Sie kamen nach Bresegard, Kreis Hagenow in Mecklenburg.

   Die im Lager zurückgebliebenen Männer und Burschen wurden in die Kohlengruben eingeteilt. Die Frauen und Mädchen kamen auf einen Gutshof zum Kartoffelausmachen, wo sie auch verköstigt wurden. Die Kartoffeln waren vorhanden, jedoch nur selten ein Stückchen Fleisch und nur ganz wenig Brot. Nach der Kartoffelernte kamen sie zurück ins Lager, wo die Kost etwas besser war. Nun wurden verschiedene Frauen zum Schutträumen und Straßenbau eingeteilt, einige kamen auch in den Haushalt wo so manche Frau ihres Fleißes wegen gute Aufnahme fand.

   Aus Verzweiflung, daß man ihm die Mutter und den jüngeren Bruder entrissen hatte, entschloß sich der 18jährige Daniel Dietrich - trotz Lebensgefahr - aus dem Lager zu flüchten. Am 6. Oktober 1945 kletterte er mit einem Kameraden über den Drahtzaun. Nach einem Tagesmarsch ohne Orientierung durch den Wald, mußten sie zu ihrem Erstaunen und mit Schrecken feststellen, daß sie wieder am Lager angekommen waren. Sie übernachteten im Freien und morgens wagten sie es erneut und fanden auch den richtigen Weg, so daß sie nach zwei Tagen in Wien ankamen. Es gelang ihnen von Wien mit einem russischen Transport nach Linz zu kommen, wo sie dann erfuhren, daß in Thening (etwa 12 km entfernt) Landsleute einquartiert sind. Als Dietrich am 10. Oktober in Thening ankam, wurde er von den Landsleuten, die sehr überrascht waren, freudigst begrüßt, konnte er doch ihnen die Anschrift von den im Lager zurückgebliebenen Landsleuten überbringen. Daß es auch für die Internierten eine angenehme Überraschung war, beweist die Antwort auf den ersten Brief:

„Mein lieber Bruder. Es ist ein Wunder Gottes geschehen, Deinen lieben Brief haben wir trotz mangelhafter Anschrift mit großer Freude in Empfang genommen . . .“ Nun konnte, nachdem mittlerweile die Anschrift der seiner Zeit aus Kijov abtransportierten ermittelt war, die gegenseitige Verbindung der auseinandergerissenen Familien wieder hergestellt werden.

   Am 20. ]uli 1946 kam die schon lange mit Sehnsucht erwartete Befreiung. Das Bargeld mußte unter Androhung von Strafe abgeliefert werden. Zur großen Uberraschung bekam aber eine jede Person für ihre in zehn Monaten geleistete Arbeit, die oft bis in die Nacht hinein und unter Schikanen verrichtet wurde, eine Entschädigung von 500,- RM. Sie wurden einwaggoniert und nach Salzwedel/Altmark abtransportiert. Das war das Ende einer versuchten Heimfahrt.

   Auch andere Gruppen von Landsleuten wollten nach Kriegsende zurück in die Heimat. Es wurden Transporte zusammengestellt und mit der Bahn ging es der Heimat zu. Die Fahrt führte über Ungarn bis zur jugoslawischen Grenzstation Subotica. Dort wurden sie von den Partisanen erwartet und in ein Lager eingewiesen. Eines Abends versprach man ihnen, dass sie jetzt nach Hause könnten. Alle nahmen ihr Gespäck und sollten unter Führung der Partisanen zum Bahnhof gehen. Es kam aber anders. Anstatt zur Bahnstation, wurden sie in einem Dauermarsch um die Stadt herumgetrieben, bis sie infolge Erschöpfung ein Gepäckstück nach dem anderen auf dem Wege fallen ließen. Es waren meistens alte Leute und Frauen mit Kindern, und jeder hatte mit sich selbst zu tun. Diejenigen, die vor Erschöpfung nicht mehr mitgehen konnten, blieben einfach am Straßenrand liegen. Die anderen wurden dann nach Ungarn abgeschoben. Die Landsleute, die nicht mehr laufen konnten, kamen in die Vernichtungslager Gakowa und Kruschiwel, wo die meisten starben.

   Die nachfolgenden Transporte wurden dann bereits an der ungarischen Grenzstation Kelebia auf das sie erwartende Schicksal aufmerksam gemacht, so daß sie nicht nach Jugoslawien fuhren. Sie wurden in den umliegenden Dörfer einquartiert und warteten eine Entscheidung ab. In der Zwischenzeit arbeiteten sie bei ungarischen Bauern für das tägliche Brot. Die Entscheidung fiel so, daß keine jugoslawiendeutschen mehr in ihre Heimat dürfen. Nach etwa einem halben ]ahr wurden sie von den Russen einwaggoniert und ins Ungewisse abtransportiert. Sie kamen nach Mecklenburg.

   Dennoch blieben einige Landsleute in Ungarn zurück. Es wußte ja niemand wohin man soll, wenn man nicht nach Hause darf. Mit der Zeit sickerten Nachrichten durch, daß die meisten Landsleute sich in Westdeutschland aufhalten. Auch bekamen manche über das Rote Kreuz Verbindung mn ıhren Angehörigen. Im Laufe der ]ahre sind auch sie zu ihren Familien nach

Westdeutschland gekommen.

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5.   Zurückgelassenes

 

Viele Angehörige auf dem Kerchhof. Die vielen Angehörige und Landsleute in den einsamen, anonymen Gräbern und die nicht enden wollende Erinnerungen an unser schönes Kischker

Die ideellen und menschlichen Werte sind weder messbar noch fassbar und schon gar nicht zu erklären.

 

Es waren im Oktober 1944 in Kischker - 3.757 Einwohner. 

Im Ort gab es: 835 Wohnhäuser, 1 Kirche, 1 Gemeindehaus, 1 Krankenhaus,

4 Schulgebäude, 2 Bank-Institute, 2 Mühlen, 2 Hanffabriken, 1 Holzhandlung, 1 Ziegelei, 8 Gasthäuser, 1 Kino, 30 Textil- bzw. Kolonialwarengeschäfte,

50 gewerbliche Betriebe, 5 Genossenschaftszweige unter einer Dach-organisation.

2.280 ha eigenes Feld, 4.446 ha Pachtland,  164 Sallasche (freistehende Bauernhöfe), 1.195 Pferde, 3.600 Stück Hornvieh,  6.000 Stück Schweine und Unmengen an Federvieh. 

Landwirtschaftliche Maschinen, Traktoren, 12 große Dreschmaschinen und die Ernte der letzten  2 Jahre.

     All diese Werte mussten bei der Flucht  zurückgelassen werden. Die Neubürger konnten mit  all dem nichts anfangen, noch erhalten oder gar vermehren. 

 

Der Niedergang begann und setzt sich bis heute fort.
 
Heute 2017,  stehen sie mit leeren Händen  vor der Tür der EU 

und bitten um Unterstützung und Einlass.

 

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6.      Ein kleiner Auszug aus dem Buch

         "Donauschwäbische Zeitgeschichte aus erster Hand"

          Donauschwäbische Kulturstiftung-München 1987 von Josef Beer
                                                      

Die Vermögensverluste der Deutschen in Jugoslawien                    S. 229

 Leopold Egger hat mit seiner Arbeit

„Das Vermögen und die Vermögensverluste der Deutschen in Jugoslawien“

einen sehr wichtigen Beitrag zur Dokumentation unserer Volksgruppe geleistet.

Was den wichtigsten Erwerbszweig der Volksgruppe, die Landwirtschaft anbetrifft, stützt sich der Verfasser hinsichtlich der Bewertung auf Gutachten zweier bekannter deutscher Wissenschaftler, die auch ganz entscheidend bei der Bewertung im Lastenausgleich mitgewirkt haben. Aber es lagen ihm auch Angaben aus Jugoslawien über enteignetes Vermögen und über die Vermögensverhältnisse, gegliedert nach einzelnen Volksgruppen, vor.

Nicht unterschätzt werden darf auch das deutsche Handwerk und die Industrie der Deutschen in Jugoslawien. So waren z. B. die Mühlen, die Hanffabriken und die Ziegeleien weit über den deutschen Siedlungsraum hinaus in deutscher Hand. Schließlich werden in diesem Buch auch erstmalig alle jugoslawischen Gesetze veröffentlicht, nach welchen Deutsche enteignet wurden. So können die früheren Eigentümer oder ihre Erben erfahren, wie jene Gesetze lauteten, durch die sie ihr Recht auf Eigentum und Heimat verloren haben.  

Im Endergebnis kommt der Verfasser zu folgenden Angaben über den Wert des geraubten Vermögens in der Wertung vom Jahre 1982:

 

a) Das private Vermögen der Deutschen in Jugoslawien DM l2.504.783.000

b) Das Deutsche Gemeinschaftsverrnögen                       DM  3.084.555.000

                                                                                           DM l5.589.338.000

 

In Worten fast: „Fünfzehnmilliardensechshundertmillionen“  DM -1982-

 

Es gibt auch Berechnungen, die die Relation zur DM viel höher ansetzen, d. h. zu Ergebnissen kommen, die recht beachtlich über den obigen Zahlen liegen.

Von einem Wunschdenken getragen sind immer wieder Vorstellungen laut geworden, auf anderen Wegen als durch den Lastenausgleich zu einer echten Entschädigung für das uns geraubte Vermögen zu kommen. Folgende zwei Überlegungen standen dabei im Mittelpunkt:  

l. Jugoslawien sollte beim Internationalen Gerichtshof auf Entschädigung für das widerrechtlich enteignete Vermögen verklagt werden. In der Theorie mag dieser Gedanke etwas für sich haben, einen praktischen Wert hat er jedoch nicht. Schon allein verfahrensmäßig ist dieser Weg kaum gangbar, weil nur Staaten für eine solche Klage zugelassen sind. Danach müßte also Deutschland oder Österreich für eine solche Klage gewonnen werden, denn in ihrem Bereich wohnen die Geschädigten, um deren Vermögensverluste es geht.

Ein solches Gerichtsverfahren wäre sicher sehr interessant, denn schon allein eine zu erwartende Verurteilung Jugoslawiens wäre für uns von großer moralischer Bedeutung.

Praktischen Wert hätte sie natürlich nicht, denn wer die hohe internationale Verschuldung Jugoslawiens kennt, wird daraus selbst die Folgerung ableiten können, daß ein so hochverschuldeter Staat keine Devisen für eine Ent-schädigung aufbringen kann.

 

2. Andere meinen wieder, Jugoslawien hätte das uns geraubte Vermögen auf Konto Kriegsentschädigung verrechnet, d. h. in derselben Höhe hätte Deutschland geringere Entschädigungsleistungen zu zahlen gehabt. Daraus will man den Anspruch ableiten, daß die Bundesrepublik Deutschland uns diesen Unterschiedsbetrag zu zahlen hätte.

 

 

7.   Unter - Die wahren Ursachen unserer Vernichtung                   S. 237

 

Unter jugoslawischen Staatsbürgern kam über die Handlungsweise des Tito-Staates –gegenüber den Donauschwaben- Unmut auf, sodass nachfolgende Verlautbarung im Jahr 1945 veröffentlicht wurde. . –Hinweis von W.N.-

 

......!     Besonders aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang der verzweifelte Ausruf einer amtlichen Verlautbarung, die in „Magyar Szó“ (Magyarisches Wort), einer in der Wojwodína als offizielles Organ der Kommunistischen Partei erscheinenden Zeitung, noch im Jahre l945 veröffentlicht wurde. Darin heißt es:

„Es ist allen Behörden völlig unverständlich, daß man den Schwaben so heiße Krokodilstränen nachweint und viele von ihnen noch mit Lebensmitteln unterstützt. Es ist unbegreiflich, daß die Masse der Bevölkerung nur die strengen Maßnahmen sieht und die Reichtümer nicht bemerken will, die jetzt dem Volke und dem Staate zufließen. Man jammert wegen Kleinigkeiten und sieht nicht das Kapital und die Vermögenswerte der Schwaben, die wir unbedingt haben müssen.

 

Es fielen in der Wojwodina in unsere Hände:

l,800.000 Joch besten Ackerbodens,

70% der Gesamtindustrie,

über 80 000 Häuser,

90% der Geschäfte usw..._“

 

Diese Verlautbarung war von der höchsten kommunistischen Zentralstelle in Jugoslawien nach dem Kriege (!) erlassen worden.

 

Ohne selbst viel dazu beigetragen zu haben, sind die Serben im Gefolge der Alliierten nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg in unsere Heimat eingedrungen und haben diese widerrechtlich annektiert. Nach dem Zweiten Krieg konnten sie jedoch ihre Grenzen nicht weiter in donauschwäbische Gebiete vorschieben, ersatzweise haben sie dafür aber den deutschen Besitz in ihrem Lande als Kriegsbeute angesehen und sich diesen ebenfalls widerrechtlich angeeignet. Um ihrer Beute sicherer zu sein, haben sie bei dieser Besitzergreifung gleich die rechtmäßigen Besitzer beseitigt.

In einem ging diese Rechnung aber nicht auf. Man gab sich wohl der Illusion hin, daß mit der Besitznahme des deutschen Eigentums auch ein Reichtum der neuen Besitzer für immer gesichert wäre. Die neuen Machthaber und die von ihnen ins Land gebrachten neuen Kolonisten verkannten dabei, daß das Reichtum der Deutschen in deren Tüchtigkeit, Fleiß und Sparsamkeit begründet war. Die vorgefundenen Werte waren schnell verwirtschaftet, so daß bald nur noch herabgewirtschaftete Häuser übrig blieben, nachdem vorher alles Brennbare verheizt war. Zutreffend wäre der bekannte Spruch: „Wie gewonnen, so zerronnen“

Ich schließe hier noch eine von Dr. Janko übernommene Bemerkung an:

„Ein Vorkommnis, Jugoslawien und uns betreffend, entbehrt nicht der zynischen Heuchelei. Als Molotow am 22. Juli l95l die Völker Jugoslawiens aufgerufen hat, ihre Führung, d. h. Tito, zu stürzen, hielt ihm dieser in nicht weniger scharfer Form unter anderem vor: „...

Welches moralische Recht hat Molotow, uns Anschuldigungen ins Gesicht zu werfen, Wir wollten das Volk ausrotten? Mit Welchem Recht spricht er, der einer der Hauptfuhrer eines Landes ist, in dem ein noch nie dagewesenes Verbrechen des verwerflichen Genocids begangen wird, in dem ganze Nationen vor dem Angesicht der ganzen Welt vernichtet werden? Wo ist die Deutsche Wolga-Republik, in der eines der fähigsten Völker lebte?

Sie ist in der sibirischen Taiga !. _ _ “  

 

Wir fragen die jugoslawischen Kommunistenführer :

Wovon leitet J osip Broz Tito das „moralische Recht“ ab, seinem

Genossen Molotow derartige Vorwürfe zu machen? Mit „welchem Recht“ spricht ausgerechnet er von „einem verwerflichen Genocid von einem „noch nie dagewesenen (!) Verbrechen“? Wo sind denn seine Deutschen, die als Angehörige „eines der fáhigsten Völker“ in Jugoslawien daheim waren? Wo sind sie?

Von der Enteignung, Massentötung und Vertreibung der Deutschen hat Jugoslawien große Mengen an landwirtschaftlichen Erzeugnissen ausgeführt. Seitdem es dort keinen deutschen Fleiß mehr gibt, muß Jugoslawien Nahrungsmittel einführen. War dieses „fähigste“ und tüchtige Volk der einheimischen Deutschen denn so entbehrlich, wie man es sich eingebildet hatte? Das Volk, das weitgehend das Steueraufkommen gesichert, das Land

ernährt und den Export bestritten hatte. Oder war es doch nur um unseren Besitz gegangen?

 

Es gibt aber noch tiefere Ursachen für unsere Vernichtung: die Vertreibung der Deutschen im Osten und Südosten steht im ursächlichen Zusammenhang mit der großen Ost-West-Auseinandersetzung und hat unter anderem Wurzeln im Panslawismus, im Verdrängen der Deutschen durch die Slawen, wie das in Potsdam mit Zustimmung   der Westmächte  Wirklichkeit geworden ist.              

 

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Einladung

zum Kischkerer

Frühjahrs -Treffen

am  Sa.  23. März 2019

in KARLSRUHE - NEUREUT

in der Hardtstube 

der Badnerlandhalle.

>>Mehr unter Veranstaltungen

  

 

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