KISCHKER
in der
Batschka

1786 - 1944

Unsere Untertitel

• DIE SCHRECKLICHSTEN TAGE

1. Die schrecklichsten Tage in Kischker

2. Das Lagerleben 

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1.  Erinnerungen an die schrecklichsten Tage in Kischker

von Nikolaus Dietrich aus "UNVERGESSENES KISCHKER" herausgegeben   von  Johann Lorenz D. J. - 1980 - 

   Im Herbst 1944 begann für die Bewohner von Kischker die schrecklichste Zeit, die dieses schöne deutsche Dorf seit der Ansiedlung im ]ahre 1786 erlebt hatte. Am Ende dieser Zeit gab es kein deutsches Kischker mehr.

   Die Überlebenden fanden in der Bundesrepublik Deutschland und anderen Ländern eine neue Heimat und eine neue Existenz.

   36 Jahre nach diesen fürchterlichen Ereignissen, von denen man nicht gerne spricht, scheint es angebracht, darüber zu berichten, auch als Mahnung für die kommenden Generationen, so etwas nie wieder geschehen zu lassen.

   Da ich zum größten Teil über die Wahrnehmungen aus meiner Umgebung berichte, bleibt es nicht aus, daß meine Angehörigen und Verwandten darin erwähnt werden. Es handelt sich aber um ein Schicksal, das viele andere auch erlitten haben. Für diejenigen, die einen Angehörigen verloren haben, war der Verlust ebenso groß.

   Im Verlauf der Kampfhandlungen zwischen der Deutschen Wehrmacht und der Roten Armee rückten die Sowjets unaufhaltsam näher. Ende September 1944 kamen die ersten Banater Deutschen, die vor den Russen nach Westen flüchteten, durch unser Dorf. Es war abzusehen, wann auch für uns dieser Leidensweg beginnen würde. Anfang Oktober 1944 war die Front so nahe, daß entschieden werden mußte, ob geflüchtet werde oder nicht. ]ede Familie mußte in eigener Verantwortung entscheiden. Da fast alle wehrfähigen Männer aufgrund eines Abkommens zwischen Deutschland und Ungarn - die Batschka gehörte zu Ungarn - zur Waffen-SS eingezogen waren, fehlte in vielen Familien das Familienoberhaupt, das die schwerwiegende Entscheidung zu treffen gehabt hätte. An dessen Stelle mußten andere Familienmitglieder die Verantwortung übernehmen. Der Entschluß betraf nicht nur allein das Verlassen der angestammten Heimat und das Zurücklassen des ganzen Vermögens, sondern bezog sich auch auf Leben und Tod der Familien, wie sich später zeigen sollte.

   Rückblickend kann eindeutig gesagt werden, daß diejenigen, die sich zur Flucht entschieden, richtig gehandelt hatten. Denjenigen, welche zu Hause blieben, kann kein Vorwurf gemacht werden, denn auch sie wollten das Beste für ihre Familie.

   Welches waren die Gründe, die zum einen oder anderen Entschluß führten? Abgesehen von denen, die aufgrund ihrer Kenntnis der allgemeinen Situation, die bevorstehende Gefahr für die Deutschen in Jugoslawien erkannten, führten bei den meisten Familien besondere Überlegungen zu der jeweiligen Entscheidung.

   Wie schon erwähnt, waren viele Männer deutsche Soldaten. Für deren Angehörigen stellte sich die Frage, ob sie deswegen bei der Besetzung durch die Russen und Partisanen einer besonderen Gefahr ausgesetzt sein könnten. Die Frauen von Soldaten mußten in Erwägung ziehen, daß man ihre Männer nach Kriegsende vielleicht nicht mehr in ihre Heimat hereinlassen würde.

   Ein sicheres Fluchtziel war nicht vorhanden. Es mußte damit gerechnet werden, daß die Russen die Flüchtlingstrecks einholen und dadurch die Gefahr für die Flüchtenden größer sein würde als zu Hause. 

   Die Bewohner von Kischker waren mit der andersnationalen Bevölkerung der Batschka kaum in Berührung gekommen und wo sie mit ihr Verbindung hatten, kamen sie gut mit ihr aus. Sie hatten niemand Unrecht getan, und viele waren der Meinung, daß sie aus diesem Grunde auch nichts zu befürchten hätten. Allein die Tatsache, daß sie sich zum Deutschtum bekannten, konnte ja kein Verbrechen sein.

   Zur Zeit der Ansiedlung gehörte das Siedlungsgebiet und die Gebiete, aus denen die Ansiedler stammten, zum gleichen Staatsverband. Daß im Laufe der Zeit dieses Gebiet zu einem anderen Staat kam, konnte kein Grund sein, den Deutschen das Recht auf ihre Heimat zu nehmen, zumal sie sich zu den jeweiligen Staatsformen loyal verhielten.

   Die Bewohner von Kischker kamen zu unterschiedlichen Entschlüssen.

   Am 9. Oktober 1944 verließen die ersten Flüchtlinge mit ihren Fuhrwerken Kischker in Richtung Werbaß und am 11. Oktober 1944 folgte die zweite Kolonne. Deutsche Militärkraftfahrzeuge (mein Bruder war Begleiter eines Fahrzeuges) holten noch einige Bewohner ab, die keine Fuhrwerke hatten. Herzzerreißende Szenen spielten sich ab, wenn verwandte Familien von einander Abschied nehmen mußten, weil sie sich unterschiedlich entschieden hatten. Es war bedrückend, die Nachbarn mit ihren vollbepackten Fuhrwerken wegfahren zu sehen.

   Etwa ein Drittel der Bewohner blieben zu Hause. Sie sahen es als ihre Aufgabe an, das Vieh der verlassenen Höfe in der Nachbarschaft zu füttern. Angstvoll erwarteten wir die nächsten Tage.

   Am 15. Oktober 1944 kamen die ersten Partisanen ins Dorf. Da es bei der Besetzung und kurz danach zu keinen Gewalttätigkeiten im Dorf gekommen war, glaubten wir, die größte Gefahr überstanden zu haben. Wer konnte ahnen, was uns noch bevorstand und daß das Ziel der neuen Machthaber die Vernichtung aller Deutschen in Jugoslawien war.

   Die Russen erschienen erst Anfang November im Dorf. Sie zogen nur durch, mit kurzen Einquartierungen. Etwa 14 Tage und Nächte rollte die russische Dampfwalze durch die Hauptgasse. Es schien, kein Ende zu nehmen.

   Am 9. November 1944 wurde es sehr unruhig im Dorf. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, daß die Partisanen in der Hauptgasse von Haus zu Haus gehen, Männer und Frauen abholen und in Gruppen ins Gemeindehaus treiben, wie es hieß, zum Verhör. Als nachmittags die Partisanen in die Spitalgasse kamen, machte sich meine Mutter zum Mitgehen fertig. Sie fragte mich noch, was sie beim Verhör sagen solle. Ich antwortete ihr: „Die Wahrheit.” Mein Bruder war Soldat. Nachdem die Partisanen unser Anwesen betreten hatten, lasen sie von einer Liste, die sie vom Gemeindehaus mitgebracht hatten, die Namen meines Vaters, meiner Mutter, meiner Großmutter und einer bei uns beschäftigten und wohnhaften Frau. Mein Vater und meine Großmutter waren nicht zu Hause; mein Vater mußte frühmorgens mit dem Pferdefuhrwerk russische Soldaten nach der ca. 60 Kilometer entfernten Gemeinde Sombor transportieren und kam erst zwei Tage später zurück, und meine Großmutter war bei ihrem Vater. Die Mutter und erwachsene Tochter, der bei uns arbeitenden und wohnenden Familie hatten den gleichen Vornamen. Die Partisanen waren der Meinung, daß die nichtanwesende Tochter   gemeint ist und nahmen die Mutter nicht mit. So war es meine Mutter allein, die mitgehen mußte. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite warteten bereits die Nachbarn, welche aus ihren Häusern geholt worden waren. Wenn die Partisanen jemand nicht antrafen, der auf der Liste stand, suchten sie nicht weiter nach ihm. Es gab Fälle, wo die Partisanen bei gleichem Vornamen der Eltern und Kinder nicht wußten, wen sie mitnehmen sollten. Von denjenigen, welche die abzuholenden Bewohner herausschrieben, waren die Eltern gemeint und die erwachsenen Kinder gingen mit.

   An diesem Tage standen nur Bewohner der Hauptgasse und der Spitalgasse nördlich der Hauptkreuzgasse auf den Listen. In diesen zwei Straßenzügen wohnten die Familien aller sieben Kinder meiner Großeltern. Dies führte dazu, daß 1 Sohn, 2 Töchter, 3 Schwiegertöchter, 2 Schwiegersöhne, 3 Enkelinnen und 1 Enkel weggeholt wurden.

   In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages hörten wir aus Richtung Bahnhof laufend Schüsse fallen. Wir wußten nicht, was dort geschah. Dies erfuhren wir erst viel später.

   Was war wirklich vorgegangen? Die im Gemeindehaus zusammengetriebenen Männer und Frauen wurden nach Geschlecht getrennt in Räume eingesperrt und derart zusammengepfercht, daß kaum Luft zum Atmen war. Die Partisanen drohten laufend mit Erschießen, so daß die Eingesperrten aus Todesangst noch mehr zusammenrückten.

   Nach Mitternacht kam unter lautem Geschrei das Mordkommando an. Einzeln wurden die verängstigten Männer und Frauen herausgeholt und in einen anderen Raum gebracht, wo das „Verhör” stattfand. Fast jedesmal, wenn eine Person herausgeholt worden war, hörten die Zurückgebliebenen kurz darauf von dieser einen fürchterlichen Schrei. Eine mit dem Leben davongekommene Frau schilderte folgenden Ablauf: Als sie in den Raum gebracht wurde, schrie sie der Verhörende an, ob sie im Kulturbund war und wo ihr Mann sei. Nachdem sie geantwortet hatte, daß sie im Kulturbund sein mußten, weil ihr Sohn sonst nicht aufs Deutsche Gymnasium hätte gehen dürfen, und daß ihr Mann auch hier sei, schrie der „Scharfrichter”, neben dem ein Partisan mit einem Schlagriemen stand: „Gruppe 2”. Während ein Partisan sie an den Schultern packte und in einen anderen Raum stieß, wo sich schon Festgenommene befanden, hörte sie im Verhörraum eine Frau flehen: „Mir als alter Frau  werden Sie doch so etwas nicht antun." Im Verhörraum lagen viele Kleider auf einem Haufen, die nur von Eingesperrten stammen konnten.

   Die Verhörten wurden in zwei Gruppen eingeteilt, in Gruppe 1 und 2. Wie schon erwähnt, kam die Frau in Gruppe 2, während ihr Ehemann in Gruppe 1 eingestuft wurde; auch gab es Geschwister, die auseinander kamen. Während Gruppe 2 (20 Personen) im Gemeindehaus eingesperrt blieb und mit dem Leben davonkam, wurden die der Gruppe 1 ermordet. Es waren 78 Personen, und zwar 22 Männer und 56 Frauen im Alter von 20 bis 70 Jahren (Durchschnittsalter 46 Jahre). Mütter, die von ihren Kleinkindern weggeholt   wurden, befanden   sich   darunter. Eine   Mutter   hinterließ 5 Kinder   unter

10 Jahren.  Von  meinen  Großeltern  waren  1 Sohn,   2 Töchter,   2 Schwiegertöchter,

1 Schwiegersohn und 2 Enkelinnen bei den Ermordeten.                                              249

   Da von der Gruppe 1 niemand überlebt hat, sind auch keine Zeugen vorhanden, die berichten könnten, wie man diese Menschen im einzelnen mißhandelt hat. Es sind einige Greueltaten im Gerede, die nur von den Mördern selbst verbreitet worden sein können, jedoch hier keinen Eingang finden sollen. Bekannt ist, daß sie mißhandelt wurden, man zog sie bis aufs Hemd aus und fesselte sie. Es war eine im Mordrausch befindliche Horde, die über die Wehrlosen herfiel. Gegen Morgen wurden die Gequälten in ein zwei Kilometer vom Dorf entferntes Bombenloch nördlich des Bahnhofes getrieben und dort erschossen. Das Massengrab wurde sofort notdürftig mit Erde zugedeckt.

   Am 14. November 1944 kam ein Mann aus der Hauptgasse außer Atem an unsere Haustüre gelaufen und teilte mit, daß wieder Leute geholt würden, und die Partisanen auch ihn gesucht hätten. Meinem Vater riet er, sich zu verstecken, was dieser jedoch nicht tat. Als es schon dunkel war, kamen zwei Partisanen und hatten den Namen meines Vaters auf einem Zettel stehen. Beim Abschied wußten wir, daß wir uns nicht mehr sehen würden.

   Am nächsten Tage sah ich einen Partisanen vor dem Gemeindehaus stehen, der die Hose meines Vaters trug.

   Diesmal waren, im Gegensatz zum 9. November 1944, Männer und Frauen aus dem ganzen Dorf im Gemeindehaus herausgeschrieben und von den Partisanen abgeholt worden, und zwar 46 Personen (34 Männer und 12 Frauen, Durchschnittsalter 49 Jahre). Aus dem Gemeindehaus flüchtete ein Mann. Eine Aufteilung in Gruppe 1 und 2 gab es nicht, alle wurden nach Mißhandlung in der Nacht am Ziegelofen erschossen und vergraben. Daß es den Mördern nur darum ging, eine möglichst große Zahl Deutscher zu peinigen und zu ermorden, gleichgültig, um wen es sich handelt, zeigt folgender Fall:

   Im Dorf quartierten sich laufend russische Soldaten ein. Diese blieben aber meistens nur eine Nacht und zogen dann wieder weiter. Ein Soldat, der mit seinem Fuhrwerk bei uns einquartiert war, blieb einige Tage und traf keine Anstalten, seiner Einheit nachzufahren. Fast täglich kamen Partisanen in unser Haus und durchsuchten alle Räume nach Wertsachen. Da wir Deutschen vogelfrei waren, konnten die Partisanen bei uns aus- und eingehen, wie sie wollten. Der Russe schloß sich den Partisanen immer an, und wir fühlten uns durch seine ständige Anwesenheit bedroht; außerdem befürchteten wir, daß er Fahnenflucht begangen hätte und man uns den Vorwurf machen könnte, daß wir ihn verstecken würden. Ein bei uns beschäftigter Arbeiter (24 Jahre) und ich wollten den Soldaten am 20. November 1944 auf dem Gemeindehaus melden.

Unterwegs begegneten wir in der Nähe des Gemeindehauses zwei Partisanen, denen wir unser Anliegen vortrugen. Unseren Arbeiter forderten sie auf, mit ins Gemeindehaus zu kommen, mich schickten sie nach Hause. Zufällig war es wieder ein Tag, an dem Leute geholt wurden. Unser Arbeiter wurde mit diesen zusammen in der Nacht am Wasserableitungskanal gegenüber der Frankschen Hanffabrik erschossen und verscharrt, nachdem sie zuvor mißhandelt worden waren. Diesmal waren es 14 Personen (5 Männer und 9 Frauen, Durchschnittsalter 45 ]ahre).                                                      250

   Die Phase der Vernichtung der deutschen Bewohner von Kischker durch Massenliquidierungen war nach dem 21. November 1944 vorbei. Das Ziel wurde aber nicht aufgegeben, sondern mit anderen Methoden angestrebt.

   Von dem Beschluß des AVNO] vom 21. November 1944, der die Enteignung der Deutschen in Jugoslawien betraf, wußten wir nichts. Nach diesem Beschluß ging sämtliches Vermögen von Personen deutscher Volkszugehörigkeit in das Eigentum des Staates über. Wir waren zu Sklaven geworden.

   Am 6. Dezember 1944 wurden alle Männer zwischen 16 und 60 ]ahren von Partisanen in die Staatsschule geholt und am 7. Dezember 1944 nach Neusatz getrieben. Von den 55 Männern wurden 28 nach Rußland verschleppt und der größte Teil der anderen ins Lager Mitrowitz gebracht. Die Mehrheit kam in den Lagern um.

   Ab 5. Dezember 1944 waren vier Männer und ich mit Ochsenfuhrwerken nach Sombor (60 Kilometer) unterwegs, denn wir mußten für die Russen Bomben transportieren. Bei unserer Rückkehr nach einigen Tagen erfuhren wir von der Aktion mit den Männern des Dorfes. Für die vier Männer - ich war erst 15 jahre alt ~ war es gut, daß sie nicht zu Hause waren.

   Es folgte nun eine Zeit, die, gemessen an den vorausgegangenen Ereignissen, verhältnismäßig ruhig war und hoffen ließ, daß die noch im Dorf befindlichen Bewohner mit dem Leben davonkommen werden.

   Alle arbeitsfähigen Männer und Frauen waren zur unentgeltlichen Arbeitsleistung eingeteilt.

   Wir erhielten Kenntnis vom Lager Jarek und auch davon, daß die deutschen Bewohner anderer Gemeinden schon alle interniert sind und in bewachten Lagern leben. Immer wieder hieß es, daß wir ins Lager kommen werden, der Zeitpunkt verschob sich aber mehrmals. Am 22. Mai 1945 war es soweit. Alle Bewohner, bis auf einige Ausnahmen, wurden von bewaffneten Partisanen aus ihren Häusern geholt und vor die Staatsschule getrieben. Nach einer Auslese in der Staatsschule blieben die Alten, Arbeitsunfähigen und Mütter mit mehreren Kindern dort, während die Arbeitsfähigen ins Arbeitslager in ein Haus auf der anderen Straßenseite kamen. Diejenigen, die in den Hanffabriken, am Ziegelofen, in der Hütter-Mühle sowie in der Schusterei arbeiteten, durften nicht mehr nach Hause. An den Arbeitsstellen wurden Lager für sie eingerichtet.

   Einige Tage später ging der Transport der Alten, Arbeitsunfähigen, Gebrechlichen und der Mütter mit Kindern von der Staatsschule ab in das Vernichtungslager jarek. Ich hatte einen Urgroßvater, einen Großvater und zwei Großmütter dabei. Obwohl mir die Möglichkeit gegeben war - ich befand mich in der Hanffabrik im Lager - brachte ich die Kraft nicht auf, hinzugehen und mich zu verabschieden.

   Es war der traurigste Transport, der jemals Kischker verließ. Auf Fuhrwerken zusammengepreßt wurden die 285 Menschen nachmittags an den Bahnhof der fünf Kilometer entfernten Gemeinde Altker gebracht. Ein gelähmter Mann war mit seinem Rollstuhl an ein Fuhrwerk angehängt worden und mußte den aufgewirbelten Staub der Kolonne einatmen. In Altker wurden die Wehrlosen in offene Viehwaggons eingeladen und nachts nach ]arek transportiert. Die Kinder schrien, als es unterwegs in die Waggons regnete.  

   Frühmorgens kam der Transport in ]arek an. Der Empfang begann mit Durchsuchung und Wegnahme der mitgebrachten Sachen. Was war das Konzentrationslager Jarek? Jarek war wie Kischker ein rein deutsches Dorf gewesen, nur etwas kleiner. Da die Bewohner fast alle geflüchtet waren, war das Dorf leer. Schon bald wurde es als Vernichtungslager eingerichtet, und zwar für diejenigen Deutschen, welche die neuen Machthaber im Arbeitsprozeß nicht mehr gebrauchen konnten. Viele tausend deutsche Bewohner der südlichen Batschka kamen schon vor den Kischkerern dorthin, wo ein hoher Prozentsatz den Hungertod starb. Es gab täglich nur warme Gerstenbrühe und ein Stückchen Maisschrotbrot. In jedem kleinen Zimmer waren mehr als zehn Menschen untergebracht. Sie lagen auf Lumpen oder wenig Stroh. Krankheiten brachen aus, eine ärztliche Versorgung und Medikamente gab es nicht. Durch Unterernährung bekamen die Insassen Hautausschläge und Geschwüre. In ihrem Raum warteten sie auf den Tod, der nur eine Erlösung sein konnte. In Massen starben die Hungernden weg und wurden auf Leiteıwagen zu den Massengräbern gefahren. Meine Angehörigen blieben alle dort. Bis zum Frühjahr 1946, als das Lager nach Gakovo und Kruschiwel verlegt wurde, verhungerten von den 285 Kischkerern 181. Es läßt sich nur erahnen und nicht in Worten beschreiben, in welcher Not und in welchem Elend diese hilflosen, unschuldigen Menschen, unter denen sich viele Kinder befanden, zugrunde gingen.

   Der Transport nach Gakovo und Kruschiwel wurde auch mit der Eisenbahn durchgeführt, diesmal jedoch mit geschlossenen Viehwaggons.    In den Vernichtungslagern Gakovo und Kruschiwel waren die Verhältnisse ähnlich wie in jarek. Hier starben noch viele, die die schwere Zeit in Jarek durchgestanden hatten.

   Das Zwangsarbeitslager in Kischker wurde aufgelöst und die Insassen kamen nach Werbaß ins Hauptlager. Dort fand wieder eine Auslese statt. Die Arbeitsunfähigen und Frauen mit Kindern kamen nach Gakovo und Kruschiwel, Arbeitsfähige ins Lager nach Tscherwenka oder an andere Arbeitsplätze außerhalb der bewachten Lager.

   Fast zwei jahre nach Kriegsende waren die neuen Machthaber mit der Vernichtung der Deutschen in Jugoslawien schon sehr weit vorangekommen, jedoch das Endziel hatten sie noch nicht erreicht.

   Inzwischen waren Bewohner aus anderen Gebieten Jugoslawiens in die deutschen Häuser eingewiesen worden. Sie übernahmen auch allmählich die anfallenden Arbeiten, so daß man auf die Arbeitskraft der internierten Deutschen nicht mehr unbedingt angewiesen war.

   Die unmenschliche Behandlung der Deutschen in Jugoslawien wurde in der Weltöffentlichkeit bekannt. CARE-Pakete mit Kleidern trafen in den Lagern ein. Wahrscheinlich wurde den Machthabern bewußt, daß sie die abscheulichen Verbrechen so lange nach Kriegsende nicht unbegrenzt fortsetzen können. Sie beschritten deshalb einen anderen Weg, um sich der Deutschen zu entledigen; man ließ sie über die Grenze nach Ungarn fliehen. Um nicht den Anschein zu erwecken, daß die Lagerinsassen über die Grenze getrieben würden, wurden viele unterwegs geschnappt und ins Lager zurückgebracht. Sie mußten es mehrmals versuchen, bis die Flucht gelang. Es gab sogenannte weiße und   schwarze Transporte.                                                              252

   Die weißen Transporte gingen fast offiziell; man mußte in einem im Lager bekannten Haus einen bestimmten Geldbetrag zahlen, um sich dem Transport anschließen zu dürfen.

   Dies geschah mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Zustimmung des Lagerkomrnandanten, denn sonst hätte das Ganze nicht so offen ablaufen können. Die Transporte gingen nachts vonstatten und die Wachtposten, die um das ganze Dorf standen, zogen sich während dieser Zeit an der Stelle, die passiert wurde, zurück. Bei den schwarzen Transporten gab es junge Männer, die über die Grenze pendelten und Leute aus den Lagern hinüberschleusten. Das Risiko erwischt und zurückgebracht zu werden, war bei den schwarzen Transporten viel größer.

   Die Möglichkeit der Flucht von den Lagern Gakovo und Kruschiwel aus wurde auch den außerhalb der Vernichtungslager arbeitenden Deutschen bekannt. Viele versuchten deshalb in diese Lager zu kommen, um von dort fliehen zu können. Ich entfernte mich am 25. Mai 1947 von einem Sallasch in Werbaß, wohin ich über das Lager Werbaß gekommen war, und begab mich ins Lager Kruschiwel. Nach zwei Tagen Arrest flüchtete ich in der Nacht vom 27./28. Mai 1947 mit einem weißen Transport nach Ungarn. Dieser Transport zählte über 50 Personen. Bei der Beschaffung der zur Flucht erforderlichen Geldmittel halfen Freunde und Bekannte außerhalb der Lager. Diesen sei an dieser Stelle gedankt.

   Wer den Fußmarsch nicht auf sich nehmen konnte oder wer von niemand außerhalb der Lager Unterstützung erhielt, konnte nicht weg und mußte im Lager bleiben. Viele haben die allgemeine Lagerauflösung am 1. Marz 1948 nicht mehr erlebt.

   Eine große Anzahl Kischkerer flüchtete von den Lagern Gakovo und Kruschiwel über die Grenze nach Ungarn und gelangten über Osterreich in die Bundesrepublik Deutschland.

   Die Frage einer deutschen Minderheit stellt sich in Jugoslawien nicht mehr; die Machthaber haben sie auf ihre Art gelöst.

   In keinem südosteuropäischen Land wurden die Deutschen nach der Besetzung und nach Kriegsende so brutal behandelt wie in Jugoslawien.

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2.  DAS LAGERLEBEN  von Peter Simon

   Es gab zwei Sorten von Lager: Das Vernichtungslager und das Arbeitslager. Für unsere Kischkerer waren Jarek, Gakowa und Kruschiwel Vernichtungslager; Neusatz und Werbaß Arbeitslager. In die Vernichtungslager kamen die Alten und Arbeitsunfähigen sowie die Kinder; später wurden die überlebenden Kinder in Kinderheimen untergebracht. In den Arbeitslagern wurden die Menschen um ein Entgelt von 50 Dinar je Tag an die anderen Nationen verkauft. Das Geld mußte an die Lagerkasse bezahlt werden. Da die Lagerkost schwach war, wollte ein jeder hinaus auf die Arbeit gehen.

   Es gab auch noch Menschen, die von ihrem Bargeld oder anderen Wertsachen etwas retten konnten. Die ließen sich durch Serben, Ruthenen oder Ungarn selbst herauskaufen. Sie arbeiteten um die Kost und zahlten die 1500 Dinar ihrem Arbeitgeber, der den Betrag an die Lagerkasse abführte.

   Am 1. Mai 1946 wurden alle Lagerleute von den Privatleuten zusammengezogen und in staatliche Betriebe eingeteilt. Somit wurde die Lage hoffnungslos, und das Flüchten über die ungarische Grenze begann. Die geschlossenen Familien verkauften ihre letzten Kleider oder ihre letzten Wertsachen, machten sich nach Gakowa, Kruschiwel oder Subotica, von wo sie um ein Entgelt zur Grenze geführt wurden. Wenn jemand erwischt wurde, fehlte es nicht an Mißhandlungen. Manche Landsleute versuchten zwei- bis dreimal, das nackte Leben zu retten.

   Im Dezember 1947 wurde die ungarische Grenze mit Doppelwachen besetzt und auf die Herannahenden mit Maschinenpistolen schon von weitem geschossen. Im Januar 1948 erklärte man schon die jüngere Generation für lagerfrei und schickte sie mit einer Arbeitsverpflichtung von zwei bis drei Jahren in die verschiedenen Bergwerke. Sie waren dann die Ablösung für die

reichsdeutschen Kriegsgefangenen. Im Monat Februar 1948 wurden die Lager Kruschiwel und Gakowa geräumt und aufgelöst, die Arbeitsfähigen wurden auf Staatsgüter oder in die Industrie abgeliefert mit einer dreijährigen Arbeitsverpflichtung. Die Arbeitsunfähigen wurden in das Lager Rudolfsgnad verfrachtet. Am 1. März 1948 kam die allgemeine Lagerauflösung. Da wurden alle Lagerleute auf Staatsgüter oder in die Industrie geschickt und auf drei Jahre verplichtet. Die Arbeitsunfähigen, die Verwandte hatten, wurden dorthin entlassen, die niemand hatten - was größtenteils der Fall war -, wurden in das Altersheim Karlsdorf (Banat) gebracht. Dann begann das große Elend mit den Lebensmittel- und Kleiderkarten. Das Kochgeschirr und Eßzeug fehlte, und so mußten die Leute auf den Schuttplatz gehen. Die Menschen merkten erst, wie arm sie sind, und an diesem Elend starben dann noch viele. Als Lageristen mußten wir essen, was wir bekamen, und als Arbeitsverpflichtete, was wir hatten. Die Löhne waren für uns überall als Anfangslohn festgesetzt, was manchmal gegen einen anderen Arbeiter 40 % ausmachte.

   Wer nicht in einem KZ-Lager war, hat keinen Begriff, wie es ist, wenn Frauen und Kinder vor Hunger und Kälte weinen, und niemand kann helfen.

Die Menschen gingen seelisch zugrunde. 

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Einladung

zum Kischkerer

Frühjahrs -Treffen

am  Sa.  23. März 2019

in KARLSRUHE - NEUREUT

in der Hardtstube 

der Badnerlandhalle.

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