KISCHKER
in der
Batschka

1786 - 1944

Unsere Untertitel

Flucht Vertreibung Versöhnung

Sebastian Gerber 2019

 

Kischker in der Batschka, in der Pannonischen Tiefebene, feierte 1936 groß seinen 150. Geburtstag. 1786 hatten Siedler aus dem Südwesten Deutschlands sowie aus Elsaß-Lothringen den Ort gegründet. Sie waren mit dem 3. Schwabenzug ins Land gekommen.

Aus diesem Anlass errichtete die Dorfgemeinschaft das Ahnendenkmal, einen hochragenden Obelisken mit einem gültigen, zeitlosen Text von Josef Frank:

Unsre Ahnen

Glaubensstark in schwerster Not

haben sie die Kraft gefunden,

haben Land und Herd und Brot

uns´re Heimat uns errungen.

Zu Glauben, Treu und Einigkeit

soll ihr Werk uns stets ermahnen,

auf dass wir bleiben allezeit

Deutsch wie unsre Ahnen.

 

Mit wechselnder Staatszugehörigkeit – Ungarn, Jugoslawien, Ungarn, Jugoslawien, Serbien – wechselten auch die Ortsnamen: Kischker – Maliker – Pribicevicevo – Batschko Dobro Polje - Kischker und wieder Backo Dobro Polje.

Unter den knapp einhundertfünfzig Gemeinden der Batschka war Kischker eine von fünf rein deutschen Gemeinden, ev.-lutherischen Bekenntnisses mit 3700 Einwohnern 1944.

1935 besuchten Studenten mit ihren Professoren der Universität Halle/Saale, Anthropologen den Ort, um – im Zeitgeist – die Bevölkerung auf deren arische Rassenreinheit zu überprüfen. Das Ergebnis ist nachzulesen in „Volkskundliche Untersuchungen im deutschen Siedlungsgebiet in der südlichen Batschka“

 

Ein Teilnehmer der Expedition charakterisierte die Menschen folgendermaßen:

„Wir sind fabelhaft aufgenommen worden. Zu jedem Essen Wein, Brot gibt es nur als Weißbrot. Kartoffeln werden hier überhaupt nicht gegessen. Die Bauern sind hier sehr zufrieden und sind alle sehr reich. Es sind Schwaben und sind vor 150 Jahren eingewandert.“

 

Eine Studie des Jahres 1979 von C.C. Gaffney von der University of Oregon bewertete den wirtschaftlichen Erfolg dieses Bauerndorfes mit dem Prädikat: „Die reichste Gemeinde der Batschka.“

 

Im Jubiläumsjahr 1936 wurde ich als erstes Kind des Kaufmanns Sebastian Gerber und seiner Ehefrau Elisabetha geb. Hütter in Kischker geboren.

Fünf Jahre später, im April 1941, begann mit dem Jugoslawienfeldzug Hitler-Deutschlands das Unheil, das zum baldigen Ende des Ortes führte. An die Ereignisse dieser Jahre habe ich, gerade fünf Jahre alt, deutliche Erinnerungen: Die deutsche Wehrmacht zog auf ihrem Vormarsch durch das Dorf. Soldaten wurden einquartiert. Stolz war ich, wenn Offiziere im Elternhaus Station machten. Dem Militär folgte die Kinderlandverschickung. Nacheinander kamen Gruppen aus Dortmund, Hamburg und Bielefeld, jeweils für sechs Monate in den Ort. Meine Eltern nahmen nacheinander Karl Oßwald M. aus Dortmund, Helga S. aus Hamburg und Hans G. aus Bielefeld gastfrei auf, aus Überzeugung, als Ehrensache.

Vater hatte mit das erste Radio – ein Saba - und hörte deutsche Nachrichten.

Immer in der Defensive gegen Ungarn und Serben, setzte die Mehrheit der Bürger große Hoffnungen auf die neue Reichsregierung in Berlin. Es ging darum, die eigene Identität zu behaupten.

      1942, gerade noch eingeschult, wurden wir von einer ungarischen Lehrerin unterrichtet, einer Frau Gusty. Wir beteten ungarisch, lernten ungarische Gedichte und zählten ungarisch. Man wollte uns madjarisieren. Nach kurzer Zeit aber wurde der Unterricht ausgesetzt. 

In diesem Jahr wurden die ersten Männer zum Kriegsdienst nach einem Abkommen zwischen Horty und Hitler eingezogen, in der Mehrzahl Entschlossene, “Freiwillige.“ Es gab aber auch Verweigerer. Vor Abreise der Rekruten kam es zu Ausschreitungen: Diese griffen Häuser der Verweigerer an und verursachten großen Schaden. Dies sah ich. Das war verstörend.

        Bald kamen böse Nachrichten. Die ersten Soldaten waren gefallen und die Todesnachrichten wurden immer zahlreicher. Ich stand in der Hauptkreuzgasse neben dem Sanatorium und schaute und hörte bei den Gefallenenehrungen zu.

Die Kränze mit den Bildern der Gefallenen wurden zur Kirche getragen und an der Empore aufgehängt. Bald war es ein langer Fries, zuletzt 87 Gefallene.

     Die Lage spitzte sich zu und wurde rasant bedrohlich. Ich hörte von Umtrieben und Gewalttaten der Partisanen und ich sah – ungläubig – die ersten Flüchtlingstrecks von Süd nach Nord ziehen. „Was hat das zu bedeuten?“, „ Droht uns gleiches?.“ Unruhe, Nervosität war spürbar. Verschlimmert noch, weil die jungen Männer im Krieg waren, weil keine Autorität geführt hat.

Vater war wieder eingezogen worden, nach der ungarischen Armee, diesmal zur Waffen-SS, so wie alle Donauschwaben.

Der 8. Oktober war der Erntedanksonntag, danach musste jede Familie für sich entscheiden: bleiben oder flüchten. Mutter und Großmutter packten die Kisten. Unser Problem war, dass wir kein Fuhrwerk, keine Pferde hatten. Mutter schickte selbst mich da und dort hin, einen Wagen zu erbitten. Zuletzt war eine Tante großzügig und wir konnten laden und uns, an einem Wagenzug, gezogen von einem Deutz-Traktor, festzubinden.

Schließlich hatten sechs Familien mit sechs Wagen festgemacht, dazu am Ende der Treib-stoffwagen. Die Flucht konnte beginnen.

 

     An einem spätsommerlichen Oktobertag, an einem Mittwoch fuhren wir los. Herbst und Winter standen bevor. Es war riskant, auch weil mein Bruder gerade zwei Jahre alt war, in eine Ungewissheit aufzubrechen, kopflos, schutzlos, ziellos.

„Schau noch einmal zurück. Du wirst das Dorf nicht mehr sehen“ sagte meine Mutter zu mir. Es war der 11. Oktober 1944.  Über Sombor ging es an die Donau bei Mohacz. Wir mussten lange warten, um mit der Fähre übergesetzt zu werden. Truppen auf dem Rückzug hatten Vorfahrt.

In Fünfkirchen ging es nicht mehr weiter. Im ungarischen Hügelland fehlten an unseren Bauernwagen die Bremsen. Wir mussten bei Bergabfahrten ständig Wagen abhängen und wieder anhängen.  Wir verloren zuviel Zeit und blieben zurück. Die Pferdefuhrwerke waren längst über alle Berge. Und der Treibstoff ging aus. Übernachtungen im Freien waren schon alltäglich geworden. In Fünfkirchen lagen wir 10 Tage unter freiem Himmel in einem – wörtlich - beschissenen Kasernenhof. Ich begriff schnell den Seinswechsel, das Ausgeliefert sein.

Endlich, nach dem Geburtstag der Cousine am 25. Oktober, wurden wir zu einem Personenzug gebracht. Die Fahrt ging in Etappen über Wien, durch das Protektorat nach Schlesien, über Breslau nach Glogau und schließlich zum Schloss Lindenbach. Es gab strengsten Frost. Wir Kinder konnten auf dem zugefrorenen  Schlosssee schleifen. Wir lebten in Massenquartieren mit Doppelstockbetten und bekamen Schwarzbrot(!) vorgesetzt, dazu die scharfe Anweisung: Für euch Flüchtlinge gilt: „Eingang nur durch den Gesindeeingang auf der Rückseite!“. Haus, Heimat und Status waren verloren, ich war ein Fremder, ich war ein Flüchtling und wurde nicht selten als Zigeuner beschimpft.

Dieser Rollenwechsel war die nächste eindrückliche Lektion. Die denkwürdigen Erlebnisse dort waren: Hunger, Bettnässen als Achtjähriger, schlechte Nachrichten und viel Propaganda: „An der Festung Breslau wird der Russe gestoppt!“ Aber der besorgte Schlesier fragte uns: „Und wenn, wohin sollen wir flüchten?“

Wir hatten aber auch Freude. Vater bekam Fronturlaub und er fand uns, keiner weiß wie. Und Großvater Hütter reiste an und veranlasste, dass die Familie nach Rengersdorf  bei Marklissa zog. Dort war der große Treck aus Kischker angekommen.

An einem sehr kalten Januarmorgen brachen wir auf. Vor dem Schloss warteten wir auf unseren Kutscher. Aus der Ferne hörten wir anhaltendes Donnern. Ein Wintergewitter vor Sonnenaufgang?. Später hörten wir: das war der Tag der russischen Großoffensive auf Schlesien.

     Mit dem Zug ging es Richtung Süden, über Liegnitz. Dort war der Teufel los. Wir gerieten

- ahnungslos - in das Chaos der flüchtenden Schlesier. Wir scheiterten mit den Versuchen,  einen Zug zu besteigen. Wie viele Nächte wir im Bahnhof zubrachten? Das Gute in dieser Not, ich konnte lesen lernen! „Räder müssen rollen für den Sieg!“ So stand es mit großen Buchstaben im Wartesaal an der Wand. Dies war meine Erstlesefibel. 

      Der Umzug endete gut. Wir kamen in der Burg Tzschocha an. Es war geheizt, es gab Großmutters Käsekuchen, gut wie zuhause. Die Vettern, die Cousine erwarteten uns. Wir waren geborgen, sicher und satt! Die Familienzusammenführung war geglückt.

     Problemlos gestaltete sich die Unterbringung im nahen Dorf Rengerdorf bei Heinrich Neisse, dem Totengräber. Großmutter Gerber hatte da ihre Schwierigkeiten, sie nahm kein Essen aus Neisses Küche an.

Die Sorge der Erwachsenen war wohl berechtigt: „Was, wenn sie die Staumauer sprengen?“ Eines Tages kam die Aufforderung – oder war es ein Befehl? -

„Alle antreten zum Bau von Panzersperren!“

Wir nahmen die Aufgabe ernst, so lächerlich sie auch war. Alles was beweglich und tragbar war, häuften wir quer über die Landstraße. Da mussten doch die russischen Panzer stehen bleiben. Wie töricht!

Ein deutscher Soldat, er hatte wohl aufgegeben, schenkte mir seine “Eiserne Ration“. Durfte er das?

Großmutter Hütter verabschiedete sich und öffnete noch einmal die Tür und sagte: „ Ich muss noch mal zurückschauen. Wer weiß, ob wir uns noch einmal sehen!?“

So sollte es kommen, die zweite Flucht begann.

     Über Nacht war der Schnee restlos geschmolzen und die Großeltern waren mit der ganzen Verwandtschaft mit einem Ochsengespann weggefahren und uns, Tochter und Enkel zurückgelassen. Die bis heute brennende Frage bleibt unbeantwortet: „Wie konnte unser Großvater uns – wir waren doch auch in Lebensgefahr – zurücklassen?“. Alles in Panik.

Wir schafften den Eselswagen, beladen mit unseren Kisten, geschoben und gezogen, gerade bis in die Dorfmitte. Flüchten verboten!!  Der Ortsgruppenleiter bedrohte Fluchtentschlossene mit der Waffe.

Lauban in unmittelbarer Nähe war von der Roten Armee erobert und wieder zurückerobert worden. Wir suchten Schutz im Wald, über uns hinweg hörten wir Geschosse. Die Lage war aussichtslos. Es war der 14. Februar, Erich´s Geburtstag. Mutter wagte den Weg zurück ins Haus Neisse und backte Pfannenkuchen. Wir feierten und Dresden brannte!

In den folgenden Tagen geschah das Wunder. Ein Militärlastwagen fuhr an, eine Sanitäterin – sollte sagen: ein Engel – forderte uns auf, aufzusteigen. Sie brachte die ganze  Liegenschaft“ Fahrt um Fahrt aus der Gefahr nach Friedland und Reichenau i.d. Lausitz und von dort ging es mit dem Zug nach Dresden.

Was dort zu sehen, zu riechen, zu spüren war, der Qualm, der Gestank, die Trümmer, der Rauch, war und bleibt unbeschreiblich, lebenslang unvergesslich, ein Inferno. Da war kein Bleibens.

      Als Kind begriff ich, dass es das absolut Böse gibt, aber auch, was Menschen Gutes tun können. Wir wurden gerettet, in Sicherheit gebracht. „Weiter immer weiter“ bis nach Graslitz im Erzgebirge, wo wir Ende Februar in Silberbach bei der Familie Baumgartel am Ortsrand ein Zimmer bezogen.

     Von unseren Habseligkeiten hatten wir vieles verloren, Schweineschmalz und den Mehlsack hatten wir bis hierher gerettet. Leider war die Petroleumlampe ausgelaufen und hatte das Mehl verseucht. Wir hatten Hunger, die Lebensmittelkarten-Rationen waren dürftig, da waren Mehlspeisen mit üblem Beigeschmack sogar noch gut.

     Wir sahen dem Kriegsende entgegen. Die Erwachsenen sprachen nur darüber und über Nahrungsmittel. Ich saß einige Zeit in der Schule, schaute durch das Fenster und beobachtete Sträflinge beim Holzmachen. „Das sind russische Kriegsgefangene“.

Aber schon bald marschierten andere Russen ein: uniformiert, bewaffnet, kahlköpfig, gedrungen. Panjewagen folgten. In dieser Stunde in Silberbach endete für mich der Krieg. Ich sah dieses Schauspiel und konnte nicht verstehen, wie diese Erscheinungen Deutschland  besiegen konnten. Auch darum nicht, weil ich neue, deutsche Flugzeuge über den Ort hatte hinweg fliegen sehen, die Wunderflugzeuge: Düsenjäger.

Von dieser Stunde an waren wir Russen und Tschechen ausgeliefert. Wir mussten jetzt ein N an die Kleider heften. Wir mussten alle Wertgegenstände abliefern, es gab Hausdurchsuchungen, auch das Haus Baumgartel , Tschechen entwendeten Vaters Kameras, - eine Spiegelreflex sowie eine Schmalfilmkamera -, dazu unser restliches Geld. Mutter wurde bewusstlos geschlagen. Sie hatte den Aufruf zur Ablieferung der Wertsachen nicht beachtet.

Ich wollte flüchten. Ein Russe schrie mir nach und stellte mich an einen Baum. Er drohte mit der Waffe. Mein Körper reagierte heftigst, er schüttete aus allen „Kanälen“ aus, was er in sich hatte. Ich fürchtete das Schlimmste.

      Die Situation beruhigte sich wieder. Die Läuseplage war nach diesen dramatischen Ereignissen ein geringes Übel. Adam Meder (16) hatte eine Pistole ergattert und wir übten auf dem Eselsberg Zielschießen. Baumgartels Neffe tauchte auf. Im Schuppen legte er seine Uniform ab, er wusch sich, drehte sich zu mir und sprach ruhig und überzeugt: „Das dritte Reich ist vorbei, aber das vierte Reich kommt!“

     Der Mai verging, es wurde Sommer. Es gab eine Bekanntmachung: Deutsche und Flüchtlinge müssen den Ort verlassen. Mitte August wurden wir in Güterwaggons verfrachtet. Es begann das Unternehmen Repatriierung.

Später las ich präzise Daten, die ein Großonkel, Ph. Beron notiert hatte. Wir waren vom 21. August bis zum 27. November mit dem Zug unterwegs, sieben Wochen lang zunächst ununterbrochen, durch die Tschechoslowakei, durch Ungarn, durch Sachsen, über Prag bis Budapest  und wieder zurück, weil Tito die Einreise nicht duldete, wieder Prag, Decin, Dresden - zum  zweiten mal -  bis nach Leipzig, als Zwischenstation. Während mein Bruder und ich im Waggon Schlafplätze erhielten, verbrachte unsere Mutter jede Nacht sitzend auf dem Holzkoffer.

Vom 7.-17. September galten wir als Gefangene im Lager Kyjov, südöstlich von Brünn.

Mit Stacheldraht geschützt, mit Schießbefehl bedroht. Aber auch dieses Intermezzo überstanden wir unbeschadet. Es ging d. h. wir fuhren weiter nach Leipzig d. h. wir wurden gratis nach Leipzig gefahren und dort vom 8. Oktober bis 9. November in eine Kaserne einquartiert, besser gesagt: Verdichtet, ohne Anspruch auf eine Mindestquadratmeterzahl.

Der abenteuerliche Transport- der Begriff: Reise ist unzutreffend – führte in extreme Gefahren, Notlagen und bedrohliche Begegnungen. Unsere Nahrung beschafften wir als Vollselbstversorger durch Betteln, Hausieren, Mundraub, auch mal legal mit Tauschhandel.

Unsere Mutter hatte weitsichtig, nachdem sie vor Fluchtantritt kein Geld auf der Bank abheben konnte, aus Vaters Geschäft Wertvolles, viele Zigaretten mitgenommen, Die waren jetzt die beste Währung und halfen in jeder Not.

         Der Zug fuhr und stand auch immer wieder länger. Das war meine Zeit. Ich hatte eine Eisenplatte gefunden, zwei Backsteine und eine Bauklammer. Damit hatte ich immer schnell eine Kochstelle aufgebaut, Feuer gemacht – woher die Zündhölzer stammten? – und schon konnte gekocht werden. Probleme gab es, wenn der Pfiff ertönt und der Zug zu schnell losfuhr.

Meine Gerätschaften durften doch nicht zurückbleiben.

       Eines  Tages, es war in der Tschechoslowakei, mussten alle – Erwachsene und Kinder – den Zug verlassen und auf freiem Gelände antreten. Bewaffnete gaben Kommandos: „Du nach rechts! Du nach links!“ Es handelte sich um eine Selektion. Alte, Mütter mit Kindern durften zurück in den Zug, Arbeitsfähige blieben als Zwangsarbeiter zurück, unter diesen Tante Katharina, ihre Kinder Christian (14) und Christina (17).

     Auf einem Prager Bahnhof wurde ich Zeuge eines dramatischen Vorfalles. Eine fanatisierte Menschenmenge hatte einen deutschen Soldaten gefasst und war offensichtlich dabei, Lynchjustiz zu üben. Großmutter erfasste die Situation und führte mich weg. Sie erkannte, in welcher Gefahr wir waren. Umgehend zerriss und entsorgte sie alle bis dahin mitgeführten, verräterischen Lichtbilder über den Donnerbalken. Ein unersetzlicher Verlust, aus heutiger Sicht.

Ende der fünfziger Jahre, ich war gerade im Schuldienst, konfrontierte eine Mutter mich mit dem aufkommenden Thema Holocaust. Eine Begegnung mit befreiten Juden hatten wir kurz nach den Erlebnissen in Prag. Wieder einmal stand unser Zug in einem Bahnhof. Da fuhr in der Gegenrichtung, gleicher Bahnsteig, ein Zug mit Sträflingen ein. Wir standen uns gegenüber. Zornige Menschen beschimpften uns, bedrohten uns hasserfüllt. Die Situation war explosiv. Zu unserem Glück setzte sich unser Zug in Bewegung. „Das waren Juden“ hörte ich sagen.

Die Fahrt ging nordwärts und stockte auch wieder. Bei Decin wurden wir am rechten Elbufer auf ein Abstellgleis abgeschoben. Dort stand der Zug, links der Fluss, rechts ein bewaldetes, steiles Ufer. Und wieder waren wir Selbstversorger, ohne Brennholz.

    Jede Nacht wurde ein Waggon abgeholt. „Was machen die Tschechen mit uns?“ Wir lebten in Ungewissheit und großer Angst. Eine Beobachtung löste die Spannung. Am gegenüber- liegenden Ufer fuhren Personenzüge nach Nord, jeden Morgen mit einem angehängten Güterwagen. Es war ein Zeichen verabredet. Wir sahen das Zeichen auf der gegenseitigen Strecke. Nun wussten die Zurückgebliebenen, es geht über die Grenze nach Deutschland, in die russische Zone.

     Wir erreichten Leipzig und wurden zuerst entlaust. Alle – Männer, Frauen, Kinder – mussten sich bis auf die Haut entkleiden und wurden gemeinsam in einen fensterlosen Raum eingewiesen, die Türen verschlossen. Ich fürchtete, man wollte uns vergasen! Wie nur konnte ich auf solch eine Gedanken gekommen sein? Hatte ich nach der Begegnung auf dem Bahnsteig etwas gehört?

     Wir wurden in eine Kaserne eingewiesen. Es brach eine Seuche aus. Wir mussten in Quarantäne. Es gab so gut wie nichts zu essen. Alte Männer seilten mich durch ein Fenster ab, mit dem Auftrag, Kartoffeln zu organisieren. Es gelang mir. Aber wie und wo? Geriebene Kartoffel, am Kanonenofen, ohne Pfanne gebacken, das schmeckte und rettete.

     Onkel Christian Gerber – entlassen oder untergetaucht – stand plötzlich bei uns. Zufall? Fügung? Unerklärlich jedenfalls.

     Am 9. November (Ph.B.) ging es weiter. Etwas anderes war ja nicht denkbar. Ein Ziel wusste niemand. Der Zug hielt in Hagenow. Wir stiegen auf Pferdewagen um und wurden in Bresegard in Mecklenburg in einem Gasthaus abgesetzt. Wie üblich bezogen alle Familien ein Massenlager im großen Tanzsaal. Es ging auf Weihnachten zu. Irgendwer brachte einen Tannenbaum, irgendwer schmückte in mit Girlanden aus Zeitungspapier. Stimmungsvoll und  berührend.

     Aus dieser “Idylle“  wurde unsere Familie „entführt“ und beim Bauern Wilhelm Wiese einquartiert, in der großen Stube zur Straße hin. Wir waren erkennbar willkommen: meine Mutter, Großmutter, Onkel Christian, Bruder Erich und ich zusammen in einem Zimmer, für uns allein. Das fanden wir komfortabel, vor allem darum, weil es genug Betten für uns gab.

     Das Leben normalisierte sich. Ein Frisör kam und schnitt Bruder Erich und mir die Haare, professionell, erstmals seit Sommer 1944. Mutter backte Weihnachtsgebäck -  dann aber von den Mäusen abgeräumt. Wir Flüchtlingskinder wurden zur Schule geführt, getestet und – o Wunder – ich konnte lesen und in die 5.-8. Jahrgangsklasse eingewiesen. Unter- und Oberstufe (eins-vier; fünf-acht) wurden parallel von einem Lehrer unterrichtet. Ob man das dem guten Mann je gedankt hat? Ich lernte jedenfalls soviel, dass ich an Ostern (?) auf Probe versetzt wurde. Nachmittags trieben wir uns zwischen den abgestellten Panzern im Nachbarort  Picher herum oder hüteten die Pferde der Russen, die wir abends in die Ställe leiteten und auch ritten. Dafür gab es Brot, feuchtes Russenbrot mit viel Spreu, die dann aus dem Gaumen entfernt werden mussten. Besser geschmeckt haben die Bratkartoffel. Jeden(!) Abend warteten wir gespannt, ob die Jungbäuerin die Tür öffnete und die Bratpfanne mit den Überresten der Bauernfamilie uns reichte.

     Es war die Zeit des Suchens und Findens. Wer lebt noch und wenn ja, wo?

Es kam ein Brief, ein Antwortschreiben, aus Bielefeld von Hans G. – damals in Kischker unser Gastkind – mit der Nachricht, Vater lebt in Landau an der Isar, bei einem Bauern. Die Verbindung war hergestellt, das Ziel bestimmt. Es dauerte, aber der Zuzugschein für fünf Personen, dieses Wunderpapier, das den Zonenwechsel möglich machte, hielten wir in Händen. Wir durften in die amerikanische Besatzungszone ausreisen. Mutter widerstand dem Ansinnen von Landsleuten, aus der 5 eine 15 zumachen. Verständlich – alle wollten in den Westen – aber die Fälschung konnte Mutter nicht riskieren.

     Und wieder traten wir eine Zugreise an, die erste, für die Mutter bezahlen musste. Es ging über Ludwigslust, Wittenberge, Oelsnitz – Zwischenaufenthalt auf der Burg, weil das Gepäck nicht nachkam -  nach Hof. Wir waren in Bayern.

     Wir kamen wieder einmal an, in Landau a. d. Isar, dann in Hartkirchen. Wir trafen Verwandte, die wir nach Rengersdorf aus den Augen verloren  hatten. Nikolaus, vierjährig, stieg zu mir auf den Pferdewagen. Er biss noch mal in sein Brot – Weißbrot! – und warf es weg. Ich erstarrte. Ich hatte schon ewig kein Weißbrot mehr gesehen, gar gegessen. Weißbrot, davon hatte ich nur noch geträumt.

     Wir verbrachten etliche Tage beim Großbauern am Isarufer. Es gab satt zu essen. Ich hörte von Schwarzschlachtungen, und davon, dass wir weiterfahren mussten nach Baden. Vater hatte den Zuzugsschein nur erhalten, weil er sich bereit erklärt hatte, das reiche Bayern zu verlassen und ins hungernde Baden umzusiedeln. (Ein Programm des alliierten Kontrollrates, eine konfessionelle Flurbereinigung, wie ich später erfuhr) „Nehmt Kartoffel mit, Baden ist arm, der Winter ist lang“ riet der Bauer.

Das war ein guter Rat, die beste Vorsorge für den kommenden Hungerwinter 46/47.

Über Nürnberg, Stuttgart gelangten wir in das Zwischenlager Karlsruhe. An einem Sonntag im Juli kamen wir – knapp 40 Personen aus Kischker – am Bahnhof Bretten an. Mit dem Lastwagen des Fuhrunternehmers Dittes brachte man uns nach Diedelsheim. Wir waren angekommen, nach 22 Monaten.

So kam ich unter die „Gelbfüßler“.

22 Monate, das ist eine trockene, sachliche Zeitangabe, objektiv betrachtet abstrakt und inhaltsleer, subjektiv ist sie für mich eine kleine Ewigkeit.  

      Wenn wir die Zeit nicht in die Erzählung unseres eigenen Lebens verwandeln, dann erstarrt  sie zur physikalisch leeren Zeit – ein Exzess sinnloser Dauer.  Paul Ricoeur

 

     Wir waren endlich angekommen, aber längst noch nicht angenommen. Es galt, sich zurecht-zufinden. Wir rückten zusammen – in den Familien, in den Ortsgemeinschaften, später in den Landsmannschaften, im Bund der Vertriebenen.  Aber wir waren Flüchtlinge, misstrauisch beäugt, verdächtigt als Eindringlinge, als Schädlinge, mit denen man teilen musste infolge der Wohnungszwangswirtschaft, der Lebensmittelrationierung.

Wie leichthin spricht man heute von burn-out, Prekariat, über Verlust und Abstieg. Dieses alles war für uns Zugezogene alltäglich, real existent. Waren jemals Menschen ausgebrannter, psychisch wie physisch, als wir Flüchtlinge

Es gab aber auch die andere Wirklichkeit. Persönliche Erlebnisse ermutigten: meine Familie wurde im Haus Guhl einquartiert und freundlich aufgenommen, Lehrer Juhl förderte mich, die Nachbarn beschenkten mich großzügig an Weihnachten und Ostern. Ich begriff schnell dem Unterschied zwischen den main-stream, dem abfälligen „die-da“ und dem teilnahmsvollen „dieses - Kind-da“-.

 

Es gab für uns lange Zeit keine Zeitung und kein Radiogerät. Dafür aber wurde viel erzählt. Irgendwann hörte ich von den Geschehnissen 1944-1945 in Kischker und der Batschka. Nach und nach verdichteten sich die ungeheuerlichen Nachrichten über die generelle Enteignung, die Lager, die Deportationen, die Exekutionen, vom Wüten der Sieger, dem Genozid. Als Volksdeutsche sind wir unschuldige Opfer, als Reichsdeutsche werden wir immer noch als Täter beschuldigt. Wir leben ein zwiespältiges, doppelwertiges Dasein: hier Täter und zugleich Opfer dort.

 

Im Stillen war nach jahrzehntelangen Recherchen, akribischem Sammeln und systematischem Ordnen unter Zuarbeit vieler das Ortsfamilienbuch Kischker von J. Lorenz und  E. Gerber – ein Datengebäude, ein skriptuales Denkmal – 2008 auf dem Buchmarkt erschienen. Ich hatte von der Humanitären Hilfe für die Donauschwaben gehört, dem Hilfswerk von Robert Lahr. Buch und Hilfswerk motivierten mich, 2011 mit der Reisegruppe Robert Lahr nach der Batschka aufzubrechen. Bewusst sage ich – doppelsinnig - : aufbrechen, die Vorurteile die Bedenken, die Ressentiments. Eine weitere Reise, eher schon ein Besuch, folgte 2013 anlässlich der Wiedererrichtung und Weihe des Ahnendenkmals von 1936 in Kischker. Als 2017 die Gedenkstätte in Jarek geweiht werden konnte, reiste ich abermals in die Batschka.

     Jedesmal traf ich zugängliche, interessierte, freundliche Menschen. In meinem Elternhaus sprach ich mit dem heutigen Besitzer. Ihm war die Erklärung wichtig: „Ich habe dieses Haus von der Gemeinde gekauft“. Fürchtete er Besitzansprüche meinerseits? Ich führte lebhafte Gespräche, ich hörte gut zu und wurde hartnäckig befragt. So lernte ich viele Serben kennen und achten. Es wuchs Vertrauen. „Misstrauen macht krank, Vertrauen macht gesund.“

Ein Ergebnis all dieser Begegnungen: ich lernte auch mit den Augen der anderen zu sehen. Heißt das Versöhnung? Versöhnung, ein Wachstumsprozess?

Alles in allem waren es für mich eindrucksvolle Reiseerlebnisse, im Einklang von Selbst und Geschichte. Was vor den Reisen mehr oder weniger nur eine  nostalgische Verklärung der Heimat war, wurde in diesen Tagen emotionale Gegenwart.

 „Heimat behält Geltung durch die Bindung an Menschen, Orte, Rituale, die durch die Biographie beglaubigt sind“, lese ich bei Christian Schüle.

 

Die Wirklichkeit, das ist nicht nur der handelnde sondern auch der leidende und der versöhnte Mensch. (nach Paul Ricoeur) 

 

!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Einladung

zum Kischkerer

Kirchweih-Treffen

2019 - unter dem Moto,

"75 Jahre nach Flucht und Vertreibung"

am  Sa. 12. Oktober 2019

in KARLSRUHE - NEUREUT

in der Hardtstube 

der Badnerlandhalle.

*****

Bitte melden sie sich an, damit wir die Räumlichkeiten reservieren können. !!!

 

E-Mail: 02w-neumann@web.de

Tel. 0721 - 472274

 

>>Mehr unter

Aktuelles u.Veranstaltungen

 

 __________________________